Radierer fliegen, Fäuste folgen
Studie enthüllt, warum Schulgewalt so oft aus dem Nichts eskaliert
24.06.2026 – 04:53 UhrLesedauer: 2 Min.
Berliner Schulen unter Druck: Eine neue Studie belegt erstmals repräsentativ das Ausmaß von Gewalt. Was Lehrer dabei täglich ignorieren, schockiert.
Die Berliner Senatsbildungsverwaltung hat in dieser Woche erstmals ein repräsentatives Konflikt- und Gewaltbarometer für Berliner Schulen vorgestellt – basierend auf Angaben von mehr als 14.000 Schülerinnen und Schülern sowie über 2.500 Lehrkräften. Das Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte betrachtet Gewalt als großes oder sehr großes Problem, fast zwei Drittel berichten von einer Zunahme seit der Corona-Pandemie.
Als zentralen Treiber identifiziert die Studie fehlende Impulskontrolle und gesunkene Frustrationstoleranz. „Da wirft also einer einen Radierer oder ein anderer findet einen anderen Fußballverein gut – und das führt sofort zum Disput. Dann geht die Bombe hoch“, sagt Studienverantwortlicher Steffen de Sombre vom Institut für Demoskopie Allensbach gegenüber dem „Tagesspiegel“. Und dabei bleibe es oft nicht: „Es fliegen auch irgendwann die Fäuste.“
Gewaltniveau an Gymnasien insgesamt niedriger
Auffällig ist eine Diskrepanz zwischen Schülern und Lehrpersonal: Was Schülerinnen und Schüler als massiv grenzüberschreitend erleben – Beleidigungen, abwertende Kommentare über Aussehen oder Kleidung –, nehmen Lehrkräfte als deutlich weniger schwerwiegend wahr und schreiten seltener ein. De Sombre beschreibt Fälle, in denen sich die Schülerschaft stark angegriffen fühle, „die Schule aber nur mit den Schultern zuckt und sagt: ‚Ist doch nicht so schlimm'“. Gleichzeitig zeige die Studie eine Abstumpfung auch auf Schülerseite – Schubsen, Anschreien oder Lästern werde durch tägliche Beobachtung normalisiert.
Während das Gewaltniveau an Gymnasien insgesamt niedriger ist, fällt dort ein anderer Befund auf: Selbstverletzendes Verhalten tritt an Gymnasien weitaus häufiger auf als an anderen Schulformen – was Fachleute laut de Sombre nicht überraschte. Einen weiteren auffälligen Befund liefert die Studie zum Thema Religion: Jeder fünfte konfessionslose Schüler sprach sich dafür aus, religiöse Regeln vor Schulregeln zu stellen – für de Sombre „eine bedenkliche Erkenntnis aus rechtsstaatlicher Perspektive“.
80 Prozent der Lehrkräfte an stark belasteten Schulen sehen zu wenig Möglichkeiten im Umgang mit wirklich gewaltbereiten Schülerinnen und Schülern. Die Senatsbildungsverwaltung will nun Schulen einbinden, um Best-Practice-Beispiele zu identifizieren und sinnvolle Fördermaßnahmen abzuleiten.
