Gefahr der Polyneuropathie
Experte warnt vor Überdosierung mit Vitaminpillen
08.01.2026 – 13:07 UhrLesedauer: 3 Min.
Viele greifen zu Vitaminpräparaten, um „etwas für die Nerven“ zu tun. Doch gerade Vitamin B6 kann bei Überdosierung selbst Nerven schädigen, und das teils dauerhaft.
Brennen in den Füßen, Taubheit in den Händen oder ein Gefühl wie „Ameisenlaufen“: Bei solchen Beschwerden leiden Betroffene häufig an einer sogenannten Polyneuropathie, also einer Schädigung der peripheren Nerven. Bekannt sind Alkohol, Diabetes oder Chemotherapie als Auslöser. Doch auch Vitaminpräparate – genauer Vitamin B6 – können schuld sein.
Australien zieht deshalb Konsequenzen: Ab 2027 sollen dort Präparate mit mehr als 50 Milligramm Vitamin B6 nur noch in Apotheken erhältlich sein, solche mit über 200 Milligramm sogar nur auf Rezept. Der Grund: Mehr als 250 dokumentierte Fälle von Polyneuropathien nach langjähriger Einnahme hoch dosierter Vitamin-B6-Präparate.
Auch deutsche Fachärzte warnen. Hans-Jürgen Gdynia, Chefarzt der Neurologie an der m&i-Fachklinik Enzensberg in Hopfen am See, sieht eine klare Schieflage. Präparate mit B-Vitaminen würden „in Apotheken, im Fernsehen, im Internet als nützlich für die Nerven beworben“. Das Problem sei, dass viele Menschen „frei verkäuflich mit ungefährlich gleichsetzen“. Dieser Glaube sei jedoch trügerisch, erklärte er dem Medizinportal „univadis“.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfiehlt seit 2024: Erwachsene sollten über Nahrungsergänzungsmittel nicht mehr als 0,9 Milligramm Vitamin B6 pro Tag aufnehmen. Auch die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (Efsa) hat den Grenzwert 2023 deutlich gesenkt – von 25 auf 12 Milligramm pro Tag.
Die Realität in Apotheken und Drogerien sieht anders aus: Dort finden sich B6-Präparate mit 25, 50 oder sogar 100 Milligramm pro Tablette. Auch Vitamin-B-Komplexe enthalten oft deutlich zu viel. Vor allem für Sportler, Frauen mit PMS oder „gestresste“ Menschen werden solche Produkte als „Nervenstärker“ beworben.
Das Risiko: Viele nehmen gleich mehrere dieser Präparate ein und merken nicht, wie sie über Monate unbewusst gefährliche Mengen anhäufen.
Dass zu viel Vitamin B6 die Nerven schädigen kann, ist seit den 1980er-Jahren bekannt. Doch wie oft das heute passiert, überrascht selbst Fachleute. Beim Neurologenkongress 2025 stellte Gdynia acht Fälle aus seiner Klinik vor, bei denen B6-Präparate zur Polyneuropathie führten. „Und das sind nur Patienten, die über einen Zeitraum von vier Jahren in unserer neurologischen Ambulanz vorstellig wurden“, betonte er. Es handelte sich durchweg um Präparate aus Apotheken oder Drogerien und nicht um dubiose Internetprodukte.
