„Spiegel“ nimmt mehrere Beiträge von der Webseite

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„Todesfalle EU-Grenze“ – nur die Überschrift des „Spiegel“-Beitrags steht noch auf der Webseite des Magazins im Ressort „Ausland“. Statt der Texte folgt nun eine „Spiegel-Information, warum gleich mehrere Beiträge von der Webseite entfernt wurden.

„An dieser Stelle befand sich ein Beitrag über das Schicksal einer Flüchtlingsgruppe am griechisch-türkischen Grenzfluss Evros im Sommer 2022. Mittlerweile gibt es Zweifel an der bisherigen Schilderung der damaligen Geschehnisse“, heißt es dort nun.

Nach Angaben des Nachrichtenmagazins wurden mehrere Beiträge zum Todesfall eines fünfjährigen syrischen Flüchtlingsmädchens vorläufig von der Website entfernt. „Wir überprüfen unsere Berichterstattung und entscheiden nach Abschluss der Recherchen, ob die Beiträge gegebenenfalls in korrigierter und aktualisierter Form erneut veröffentlicht werden“, schreibt der „Spiegel“.

Zuerst hatte das Branchenmagazin „Medieninsider“ über den Vorfall berichtet. Demnach gibt es beim „Spiegel“ Zweifel an den Beiträgen über ein Flüchtlingsmädchen, das auf einer Insel zwischen der Türkei und Griechenland gestorben sein soll.

Dem „Medieninsider“ zufolge ist sogar fraglich, ob das im Artikel genannte Mädchen überhaupt existierte. Der griechische Migrationsminister Notis Mitarachi habe Zweifel an den Berichten geäußert. Auch „Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann soll darüber informiert worden sein. Der Autor der Reportage, Giorgos Christides, habe Ende August getwittert, mit den Eltern und Geschwistern des Mädchens gesprochen zu haben, heißt es im Bericht vom „Medieninsider“.

Aus Sicht des „Spiegel“ stellt sich die Situation so dar, dass in mehreren auch nachrichtlichen Beiträgen vom Schicksal einer Flüchtlingsgruppe am griechisch-türkischen Grenzfluss Evros im Sommer 2022 berichtet wurde. Eine Sprecherin des Magazins verweist darauf, dass weitere, internationale Medien über diese Vorgänge berichtet haben.

„Mittlerweile gibt es Zweifel an der bisherigen Schilderung der damaligen Geschehnisse. Es geht vor allem um den Verdacht, dass die Flüchtlinge in ihrer Not den Tod eines Mädchens erfunden haben könnten. Einige ursprüngliche Berichte hatten die Schilderungen der Flüchtlinge, die bis heute am Tod des Mädchens festhalten, als Tatsache übernommen“, so die Sprecherin, die die Komplexität des Themas betont.

Der Vorgang weckt Erinnerungen an den Fall des „Spiegel“-Reporters Claas Relotius. Der mehrfach für seine Reportagen ausgezeichnete Autor war bis 2018 für das Magazin tätig, bis bekannt wurde, dass er große Teile seiner Reportagen und Interviews erfunden hatte. Das System Relotius war nicht zuletzt deswegen so lange unbemerkt geblieben, weil Reportagen aus weit entlegenen Regionen ohne zusätzliche Informationen häufig nur schwer zu überprüfen sind.

Unterschiede zum Fall Relotius

Im aktuellen Fall hat hat der griechische Migrationsminister Notis Mitarachi gegenüber „Spiegel“-Chefredakteur Klusmann beklagt, dass die Berichte über das verstorbene fünfjährige Flüchtlingsmädchen „ausschließlich von NGOs (Nichtregierungsorganisationen) übermittelt wurden“. Damit machte der Politiker Zweifel an der Objektivität der Informationen und der Unabhängigkeit der Quellen geltend.

Das syrische Mädchen sei während der Verhandlungen zwischen Menschenrechtlern und der griechischen Regierung an den Folgen eines Skorpion-Stiches ums Leben gekommen, hieß es in den „Spiegel“-Berichten. „Sie ist Anfang August an Europas Außengrenze gestorben, weil ihr griechische Behörden jede Hilfe versagten“, wird aus einem der „Spiegel“-Berichte zitiert. Laut „Medieninsider“ weisen die Berichte der verschiedenen Medien Widersprüche auf, die Faktenlage sei undurchsichtig.

Nach Darstellung des Migrationsministers gehe aus den Fakten und vorhandenen Fotos hervor, „dass es kein vermisstes Kind gibt, geschweige denn ein totes Kind“. „Spiegel“-Reporter Giorgos Christides hatte mit mehreren Twitter-Tweets auf die Vorwürfe reagiert und auf Gespräche mit den Eltern des Mädchens verwiesen. Nach deren Schilderung wurde inzwischen eine Exhumierung beantragt, allerdings sei die Grabstelle nicht wiedergefunden worden.

Problematisch ist die unklare Faktenlage für den „Spiegel“ nicht zuletzt insofern, als das Magazin nach dem Relotius-Skandal Kontrollmechanismen eingerichtet hatte, um solchen Situationen vorzubeugen. In einem 74-seitigem Heft wurden Standards unter anderem zum Bereich „Verifikation“ aufgestellt. Gefordert wurde, dass die Reporter ergänzend zu ihren Beiträgen Verweise auf die Quellen und Gesprächspartner mitliefern.

Die Überprüfung des Vorgangs wurde, so die Sprecherin des Magazins weiter, nach externen Hinweisen von der Anfang 2020 eingesetzten Ombudsstelle des „Spiegel“ angestoßen. Dies entspreche den neuen Kontrollmechanismen. „Die nun im Auftrag von Chefredaktion und Geschäftsführung stattfindende aktuelle Recherche erfolgt unter Beteiligung von Kolleg:innen aus verschiedenen Abteilungen. Wir hoffen, die Ergebnisse im Laufe des Dezembers veröffentlichen zu können.“

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