Nobelpreisträgerin über Menschenrechte in Russland: „Wir sind jetzt vogelfrei“ | Politik

0
14

Als bekannt wurde, dass die russische Menschenrechtsorganisation Memorial den Friedensnobelpreis bekommen wird, gratulierte der Kreml auf seine Art.

Ein Gericht enteignete das Gebäude der Organisation. Zuvor wurde Memorial bereits für aufgelöst erklärt.

Vor der Nobelpreis-Verleihung am 10. Dezember sprach BILD mit Memorial-Chefin Elena Zhemkova (61) über die Verfolgung von Menschenrechtlern in Russland.

Seit Jahren ist Memorial Kreml-Diktator Wladimir Putin (70) und seinen Schergen ein Dorn im Auge. Sie wurden u. a. als ausländische Agenten gebrandmarkt, mit Strafen überzogen, ihre Organisation offiziell für aufgelöst erklärt. Doch das hinderte sie nicht daran, sich weiter zu engagieren.

„Mit der Bekanntgabe, dass wir den Nobelpreis bekommen, wurden die Verfolgungen sogar verstärkt“, sagt Elena Zhemkova. „Wir sind jetzt vogelfrei. Jeder kann mit uns machen, was er will.“

Die Aktivistin weiter: „Unsere Mitarbeiter werden bedroht und schikaniert, doch niemand kümmert sich darum. Die Polizei ermittelt nicht mal. Ein Vertreter der Regierung meinte, dass wir den Nobelpreis nicht annehmen sollten. Dieser Preis soll sich inzwischen sowieso diskreditiert haben und besitzt keinen Wert“.

Dabei ist die Arbeit der unabhängigen Organisation seit Russlands Überfall auf die Ukraine erst recht gefragt. Tausende Ukrainer wurden von Putins Handlangern nach Russland verschleppt. In Gefängnissen werden verurteilte Mörder requiriert, um in den Krieg zu ziehen. Widerspruch und Opposition werden vom Kreml nicht geduldet und Andersdenkende verfolgt.

„Alleine uns liegen 19 000 Beschwerden von Menschen vor, weil sie etwas gegen den Einsatz in der Ukraine gesagt haben oder auf die Straße gegangen sind und gegen sie jetzt deswegen ermittelt wird. Wir versuchen ihnen nach Möglichkeiten – unter anderem mit Anwälten – zu helfen“, sagt Zhemkova. „Es war kein Zufall, dass wir vor den aktuellen Ereignissen aufgelöst wurden. Man wollte uns verstummen lassen, weil es klar war, dass wir gegen diese Aggression in der Ukraine sein würden. Wir haben uns bereits seit 2014 gegen das Vorgehen unserer Regierung positioniert.“

Doch trotz des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges in der Ukraine und trotz der Teilmobilmachung in Russland selbst, bleibt die Mehrheit der russischen Bevölkerung passiv und demonstriert nicht gegen Putin.

„Einige haben natürlich wegen der Verfolgungen Angst und trauen sich nicht“, sagt Zhemkova. „Doch die meisten Russen sind zu bequem und verdrängen die Realität, weil sie ihr Leben genauso wie vor dem 24. Februar weiterführen wollen. Sie hätten natürlich die Möglichkeit, die Wahrheit zu erfahren, was in der Ukraine passiert, doch das wollen sie nicht.“

„Stattdessen schalten sie lieber ihr Fernseher an, wo ihnen erklärt wird, dass Russland in der Ukraine einen sauberen Krieg gegen Nazis führt und die ganze Welt gegen Russland sei. Und sie bohren nicht weiter nach, wollen nicht ihre Komfortzone verlassen, sondern leben weiter in dieser Illusion. Für sie gibt es, ähnlich wie für die Deutschen nach 1945, irgendwann mal ein böses Erwachen“, erklärt die Menschenrechts-Aktivistin.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein