Nach Waldbränden in Tschechien: Leben aus der Asche

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Stand: 26.11.2022 15:27 Uhr

Nach dem Waldbrand im Sommer lockt die Böhmische Schweiz wieder Touristen an. Doch auch Wissenschaftler untersuchen die verkohlten Flächen, um herauszufinden, wie der Wald gegen Dürre und Klimawandel geschützt werden kann.

Von Danko Handrick, MDR

Sie sehen aus wie eine Mondlandschaft, die verkohlten Wälder der Böhmischen Schweiz. Botanikerin Ivana Marková spricht jedoch von einem Paradies, zumindest für ihre Arbeit. Mit einem kleinen Spatel sticht sie in die scheinbar tote Erde. Unter der Lupe ist für sie jedoch zu erkennen, dass sich im verkohlten Schwarz das erste Leben bildet: Die Natur hole sich ihren Raum zurück.

“Es sieht nicht so aus, aber hier ist alles voller Leben. Während es anderswo noch gebrannt hat, kamen da, wo keine Flammen mehr waren, schon die Pflanzen zurück. Die Adlerfarne – die kamen gleich nach dem ersten Regen. Oder hier die Moose – Brunnenlebermoos und Echtes Drehmoos. Das sind nährstoffliebende Pionierpflanzen, die auf jeder verlassenen Brandstätte zu finden sind.”

Auf über 1000 Hektar brannte es im Sommer wochenlang.

Bild: Danko Handrick, MDR

Brände auf mehr als 1000 Hektar

Die Böhmische Schweiz ist mit rund 79 Quadratkilometern der kleinste Nationalpark in Tschechien. Ende Juli wüteten hier auf über 1000 Hektar die Flammen. Erst nach drei Wochen konnte das Feuer gelöscht werden, drei Häuser fielen ihm zum Opfer. Für die Region und den lebenswichtigen Tourismus war der Brand eine Katastrophe. Aus Sicht der Natur ist die Bilanz weniger tragisch: Die Zerstörung von heute ist das Leben von morgen. Für die Forschung bietet das Brandgebiet mit seinen enormen Ausmaßen eine in Tschechien noch nie dagewesene Gelegenheit.

Nationalpark-Botanikerin Marková bleibt deshalb nicht allein im Wald. Dutzende Forscher verschiedener Fachrichtungen haben bereits ihre Arbeit in der Asche begonnen. In einer der vom Feuer am stärksten betroffenen Lagen teilen rote Markierungen den Wald in handliche Planquadrate. Hier werde detailliert beobachtet, wie sich der Wald erholt und verändert, erklärt Nationalparksprecher Tomas Salov. Für ein anderes Projekt wurden surreal wirkende weiße Pilze im Wald verteilt – es sind Sensoren, die Bodenfeuchtigkeit und Temperatur messen. Weil nicht nur Pflanzen, sondern auch Tiere zurückkehren, werden sie von großen Drahtkörben geschützt.

Unmittelbar zwischen den verkohlten Stämmen sammelt auch Bioklimatologin Markéta Poděbradská zusammen mit Kolleginnen Daten. Die Beobachtungen werden in ein amerikanisches Computermodell zur Ausbreitung von Waldbränden eingepflegt. “Wir wollen verstehen, wie stark Totholz zur Ausbreitung des Brandes beigetragen hat. Unsere Arbeit kann so einen Einfluss auf die Zukunft der eingriffsfreien Zonen im Nationalpark haben”, erklärt sie.

Totholz als Brandbeschleuniger?

Die Bioklimatologin spricht damit eines der brisantesten Themen im Park an. Für manche war schnell ausgemacht, wer Schuld am Brand trägt. Sie kritisieren, dass die Nationalparkverwaltung das Totholz in Teilen des Parks nicht aus dem Wald gebracht habe. Dieses habe so als Brandbeshleuniger dienen können.

Nationalparksprecher Salov kann darüber nur den Kopf schütteln. Ein umgefallener Baum fange von selbst kein Feuer. Der Schuldige für den Brand sei einzig und allein der Mensch, der den Brand durch sein unvorsichtiges Verhalten ausgelöst habe. “Wenn es sehr trocken ist, dann ist es das ganz kleine Material im Waldboden, die Zweige und Nadeln, die hochentzündlich sind. Da fängt das Feuer an. Totholz im Wald macht die Lage vielleicht nicht einfacher, ist aber auch nicht die eigentliche Brandursache.” Gebrannt habe es auch an Stellen, wo das Totholz aus dem Wald gefahren wurde. Da habe das Feuer keine Unterschiede gemacht.

Salov sieht die Ursache für die Brände allein beim Menschen.

Bild: Danko Handrick, MDR

Den Wald am besten in Ruhe lassen

Von der Arbeit der Forscher erhofft Salov sich jetzt Erkenntnisse, wie der Wald der Zukunft aussehen könnte. Er glaube, der Nationalpark werde nach dem Brand widerstandsfähiger sein, weil Monokulturen abgebrannt sind – ein Mischwald könnte entstehen, der auch mit den Folgen des Klimawandels besser zurechtkomme. Auch er kann dem Brand dadurch zumindest etwas Positives abgewinnen. In 15 Jahren würden zumindest Laien nicht mehr erkennen, dass es hier einmal gebrannt habe.

Den Wäldern müsse jetzt nicht geholfen werden, das ist für Salov die wichtigste Botschaft. Wo sie niemanden gefährden, blieben die verkohlten Bäume stehen. Die beste Hilfe des Menschen sei, die Natur in Ruhe zu lassen.

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