Meisterregisseur kehrt nach 16 Jahren Pause zurück und jagt Cate Blanchett durch Psychotrip, der sie an ihre Grenzen führt

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In den letzten Jahren hat sich das Filmfestival von Venedig zum Vorgarten von Netflix entwickelt. In der Lagunenstadt startete der Streaming-Dienst die Oscar-Kampagnen von Roma und Marriage Story und auch dieses Jahr ist das rote N vor schwarzem Grund omnipräsent auf dem Lido, der Strandbadinsel, wo das Festival ausgetragen wird.

Da lobe ich mir doch einen Film, der eine große Leinwand erzwingt. Nicht etwa mit visuellen Effekten, die sind ja nichts Besonderes mehr. Sondern mit Cate Blanchett und dunklen Cello-Stürmen. Tár ist die Art Film, der man sich am besten in einem dunklen Saal aussetzt – einer, der ungefiltert auf einen niederschlagen sollte wie der Regen auf die Schlange vor der Fähre zum Lido. Aber ich schweife ab…

Mit Tár kehrt Little Children-Regisseur Todd Field nach 16 Jahren zurück

Mit Tár legt Regisseur Todd Field zum ersten Mal seit Little Children im Jahr 2006 wieder einen Spielfilm vor. Nach diesem gefeierten Vorstadt-Alptraum mit Kate Winslet und Jennifer Connelly war Field an diversen Projekten beteiligt, die allesamt im Sande verliefen. Eine 20-stündige Jonathan Franzen-Adaption für Showtime war dabei, eine Verfilmung von Cormac McCarthys Western-Großtat Blood Meridian – sie blieben auf der Strecke. Dieser viel zu lange, von geplatzten Träumen gepflasterte Weg führt nun zu Tár. Endlich.

Cate Blanchett in TÁR

Ordinäre Einfamilienhäuser, wie sie in Fields bisherigen Filmen Little Children und In the Bedroom auftauchen, hat Heldin Lydia Tár (Cate Blanchett) hinter sich gelassen. Sie wohnt in einem unerträglich modernen Betongemäuer mit ihrer Partnerin (Nina Hoss, der emotionale Resonanzkörper des Films). Die fiktive Dirigentin und Komponistin Tár arbeitete sich hinauf zum Olymp der klassischen Musik, einem von Männern dominierten Feld. Sie leitet als erste Frau ein Symphonie-Orchester in Deutschland. Sie wird als “Maestro” hofiert und hat sich alles in allem eine enorm erfolgreiche “Brand” aufgebaut. Tár ist ein Star. Wenig steht ihr im Weg zum Legendenstatus und einem viel zu langen Wikipedia-Eintrag. Alles ist gut.

Das Star-Dasein im Social Media-Zeitalter wird in dem Wettbewerbsbeitrag von Venedig jedoch ebenso beleuchtet wie der Missbrauch von Macht, der durch so eine Stellung ermöglicht wird. Denn Lydia Tár wird verfolgt von früheren Entscheidungen, die Karriere und Leben einer Kollegin ruiniert haben könnten. Was genau die genialische Musikerin getan hat, bleibt lange unscharf.

Die wie auch immer geartete Schuld drängt sich in Form von Fetzen aus Bildern und Tönen ins Leben der Künstlerin, bringt sie aus dem Rhythmus. Schreie ohne Ursprung hallen durch einen Berliner Park. Labyrinthische Zeichnungen liegen plötzlich in Lydias Villa. Der rote Haarschopf einer jungen Frau stiehlt sich in ihre Träume. Die Musikerin, die immer vorwärts, aufwärts, in die Zukunft drängt, wird von ihrer Vergangenheit eingeholt.

Cate Blanchett brilliert in einer musikalischen Tour-de-Force

Die großartige Cate Blanchett spielt mit Tár eine Frau, die sich im Lauf der Jahre alles maßgeschneidert hat, was sie zum Überleben in einem männerdominierten Feld braucht: Anzüge, Hemden, Verhalten und den Mut, das innere Arschloch freizulassen.

Es ist extrem unterhaltsam, aber auch ein bisschen gefährlich, Blanchett zuzuschauen, wie sie Dialoghiebe setzt. Manchmal stichelt sie amüsant, dann wieder weidet sie ihren Gegenüber verbal aus. Ob ein gleichrangiger Kollege der Leidtragende ist oder ein Student, spielt keine Rolle. Das sollte schon früh ein Warnsignal darstellen, aber womöglich sitzt man da noch in dem Film, gebannt von Blanchetts magnetischer Darbietung. Tár ist doch ein Genie, mag man denken. Solche Leute dürfen das.

TÁR

Das gehört zum Verführerischen an Blanchetts Auftritt. Sie reißt einen in den Bann mit ihrer souveränen Strahlkraft, so wie Tár zu Beginn ein Publikum bei einem Interview umgarnt. Sie gibt sich kühl, aber nicht kalt, kontrolliert, aber nicht kontrollierend. Man folgt der Künstlerin auf der Suche nach Perfektion von Probe zu Probe in einem Film, der fast dokumentarisch die Regeln dieser Musik-Parallelwelt aufsaugt. Nur lässt sich die Schneise der Verwüstung, die Tár zurücklässt, ab einem bestimmten Punkt nicht mehr in Träume und Rätsel und in die Vergangenheit schieben. Sie wächst und wächst in dem 158-Minuten-Psychotrip und gibt Blanchett reichlich Gelegenheit, ihre schauspielerischen Grenzen auszuloten.

Todd Field hat ein Porträt einer Frau gedreht, das fast so einschüchternd selbstsicher daherkommt wie seine Heldin. Die hat möglicherweise ihre Stellung missbraucht. Sie verdient möglicherweise eine Bestrafung, aber ganz sicher wird sie ihr Leben in die Musik gießen. Denn das nicht zu tun, hieße den Schutzschirm Kunst aufzugeben, der sie vom Anblick der Kollateralschäden ihres Handelns verschont. Und wie Blanchett sich immer weiter hinter der Musik versteckt, bis vom Rest der Welt kaum etwas zu sehen ist – das muss man gesehen haben.