Klaus Mäkelä mit dem Concertgebouworkest in Berlin: Ein Desaster

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Das Concertgebouworkest Amsterdam, einer der traditionsreichen Klangkörper der Welt, hat einen neuen Chefdirigenten. Im Juni wurde die Ernennung des Finnen Klaus Mäkelä bekannt gegeben, jetzt gab es die ersten Konzerte in neuer Konstellation zu Hause in Amsterdam und auswärts in Berlin zur Eröffnung des Musikfestes. Zu hören war ein Werk seiner finnischen Landsfrau Kaija Saariaho, „Orion“, und Gustav Mahlers sechste Symphonie. Zeitgenössisches und bewährt Klang- und Emotionsgeladenes also, wobei es für Mäkelä in Saariahos Stück vor allem darum geht, ein Kollektivmusizieren zu beaufsichtigen, aus dem selten einmal eine Instrumentengruppe oder gar eine Solostimme hervortritt. Schwer im Magen liegt dieses Stück nicht, weder beim Hörer noch bei den Musikern, die anschließend deutlich ballaststoffreichere Kost zu bearbeiten hatten.

Mahlers Sechste, mit Beinamen „Tragische“, gehört zu den großen Kraftakten der symphonischen Literatur, von den Interpreten heißes Blut einfordernd und zugleich einen kühlen Kopf, soll nicht das Ganze viel zu früh gegen jene Wand fahren, die Mahler im Grunde über eine gesamte Symphonie hinweg ansteuert. Mäkelä tut hier, was viele Dirigenten tun: Er feuert an, versucht mit schiebenden Bewegungen Energie ins Orchester zu pumpen, lässt keinen Akzent, kein überfallartiges Crescendo ungenutzt vorüberziehen. Man kann Mäkelä nicht vorwerfen, dass er die Partitur nicht kennen würde. Die beherrscht er merklich. Aber entsteht musikalischer Sinn daraus? Wozu das alles: diese heftigen Klangreize, die Spitzen und Schläge? Es wird nicht klar, weil Mahlers düsterer Hintergrund nicht spürbar wird, vor dem all das geschieht und der im langsamen Satz deutlicher hervortritt, einem wehmütigen Gesang, der sich immer wieder in die kuhglockenumläutete Idylle flüchtet.

Mäkelä nimmt sich hier zurück, vertraut auf die Wirkung seiner Person, mit dem Ergebnis eines weitgehend neutralen, nahezu informationslosen Klangbildes. Es hatte sich im ersten Satz angedeutet und tritt nun offen zutage, dass Mäkelä kaum in der Lage ist, abseits der bloßen Intensität auf den eigentlichen Klang des Orchesters einzuwirken. Der Rest ist schnell erzählt: Im Scherzo, das an die trampelnden Rhythmen des Kopfsatzes anschließt, kommen organisatorische Probleme hinzu; die mal liebevollen („altväterisch“), mal gespenstischen Ironien des Trioteils bleiben von Mäkelä unentdeckt, das Finale wird zur Lärmbelästigung; die Pferde, die zuvor noch mit spürbarer Anstrengung gezügelt wurden, gehen jetzt unkontrolliert durch. Eine Enttäuschung, ein Ärgernis und – nimmt man die eindrucksvolle Mahler-Tradition dieses großen Orchesters – ein Desaster. So ein Abend darf einem Orchester dieser Liga eigentlich nicht passieren, schon gar nicht auf Tournee.

Mäkelä ist 26 Jahre alt, begabt, schnell im Kopf, sicher und gewinnend im Auftreten. Er wurde in Finnland bestens ausgebildet, was das Lernen abseits der Berufspraxis angeht. Dennoch erscheint seine Ernennung zum Chefdirigenten (nominell erst 2027, bis dahin fester künstlerischer Partner) vor dem Hintergrund dieses Abends als tollkühne, angesichts der Geschichte und Bedeutung des Concertgebouworkests fahrlässige, gemessen an Mäkeläs Alter als verantwortungsarme Wette auf die künstlerische Zukunft.

Als Kirill Petrenko, heute Chef der Berliner Philharmoniker, seine erste Stelle als Generalmusikdirektor (GMD) antrat, war er siebenundzwanzig Jahre alt, und das Theater stand in der deutschen Provinz, in Meiningen. Cornelius Meister, der in diesem Jahr in Bayreuth den neuen Ring dirigierte, fing im Alter von fünfundzwanzig in Heidelberg als GMD an. Christian Thielemann war mit sechsundzwanzig Kapellmeister in Düsseldorf und erhielt zwei Jahre später seinen ersten Posten als GMD in Nürnberg. Herbert von Karajan: war 27 bei seinem ersten GMD-Posten in Aachen; Wilhelm Furtwängler 25, als er in Lübeck sein erstes eigenes Orchester übernahm. Alles Posten abseits der großen Traditionsorchester, abseits größerer medialer Wahrnehmung. Keiner der Genannten wird oder wurde müde, die Bedeutung solcher Stationen für die persönliche und künstlerische Entwicklung zu preisen. Hier habe man in Ruhe die komplexen Mechanismen in einem Orchester kennenlernen können, die Probleme der unterschiedlichen Instrumente, die Tücken der Akustik und der Balance zwischen den einzelnen Orchestergruppen, das spontane Reagieren auf Probleme, die in der Aufführung plötzlich auftreten. Und schließlich sei man als Person gereift.

Dass mit Klaus Mäkelä nun ein so junger Dirigent eines der großen Orchester dieser Welt übernimmt (oder übernehmen muss), sagt einiges aus über die Marktlage. Mit Zubin Mehta, Daniel Barenboim und Riccardo Muti sind die Letzten einer prägenden Generation an Orchesterleitern tätig. Wer übernimmt ihre Posten? Die Lücken sind groß. Ganze vier Jahre herrschte Ratlosigkeit in Amsterdam, nachdem Daniele Gatti 2018 wegen MeToo-Vorwürfen in die Wüste geschickt worden war. Ähnlich schwierig dürfte es an der Berliner Staatsoper werden, wo sich angesichts Barenboims angeschlagener Gesundheit die Nachfolgefrage immer dringlicher stellt. Gleichzeitig lassen sich junge Gesichter gut in Kampagnen verwenden, die um das Image einer vermeintlich vergreisten Sparte „Klassik“ bemüht sind. Weder Orchestern noch Dirigenten muss damit aber geholfen sein, das führte der Abend in der Philharmonie drastisch vor. Alles jedenfalls, was hier fehlte, hörte man zwei Tage zuvor in Mahlers Fünfter beim Konzerthausorchester mit Christoph Eschenbach, dem zweiundachtzigjährigen Dirigenten.