
Es ist ein Abend im Oktober 2025 und die ukrainische Schriftstellerin Sofia Andrukhovych sitzt auf einem Hocker im Kulturhaus in Kehl, einer Kleinstadt im Südwesten Deutschlands. In ihren Händen liegt ein dickes Buch aufgeschlagen. Die preisgekrönte Autorin liest aus ihrem Roman „Amadoka“. Ihre Stimme ist sanft und ernst. In dem Roman verwebt der 44-jährige Autor eine Geschichte über Familien, Liebe und Krieg mit der kollektiven Erinnerung an ein vom Krieg zerrissenes Land, von der Hungersnot unter Stalin über die jüdisch-ukrainischen Beziehungen und den Holocaust bis hin zu einem Soldaten, der im Krieg im Donbass 2014 ein Trauma erlebt und ohne Erinnerung nach Hause zurückkehrt.
Die Anwesenden beschrieben die Atmosphäre als gebannt. Viele ukrainische Flüchtlinge nahmen zusammen mit Literaturliebhabern daran teil. Andrukhovych spricht auf Ukrainisch, mit Live-Übersetzung für das deutsche Publikum. „Die Erinnerungskultur in der Ukraine ist zu einem wesentlichen Bestandteil des Lebens geworden“, sagt sie im Gespräch nach der Lesung. „Wenn der Feind Ihre Sprache, Kultur und Geschichte leugnet, wird Erinnerung zu einem Akt des Widerstands.“
Finanzierung durch das Auswärtige Amt
Andrukhovych war auf Einladung der Ortenau Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft (DUGO) im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe „Worte überwinden Grenzen“ in Kehl, die bis Mitte Dezember ukrainischen Schriftstellerinnen eine Plattform bieten wird. Der Verein wurde im Frühjahr 2025 gegründet. Mit seinen Aktivitäten möchte DUGO Deutschland und die Ukraine einander näher bringen und das gegenseitige Verständnis fördern. „Mit dieser Reihe möchten wir Menschen dazu ermutigen, sich mit der Ukraine auseinanderzusetzen“, sagt Martin Kujawa, Vorsitzender des Vereins. „Literatur ermöglicht es uns, die aktuelle Situation aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Die von uns eingeladenen Autoren geben Einblicke in individuelle und kollektive Erfahrungen“, fügt er hinzu.
Projekte wie die Lesungen in Kiel werden vom Auswärtigen Amt über das ifa – Institut für Auslandsbeziehungen gefördert. Als Institution zur Förderung der Außenbeziehungen ist das ifa seit Anfang der 1990er Jahre in der Ukraine aktiv und fördert dort gezielt Mitglieder der Zivilgesellschaft, die sich für Demokratie sowie die Freiheiten von Kunst, Medien und Presse einsetzen. „Vor dem Hintergrund des anhaltenden Krieges in der Ukraine hat die Rolle und Relevanz dieser Kulturvereine noch weiter zugenommen“, sagt Tosin Stifel, Leiter der zivilgesellschaftlichen Förderprogramme beim ifa. „Sie leisten nicht nur konkrete Hilfe für Kulturschaffende, die vor dem Konflikt geflohen sind, sondern schaffen auch zunehmend Raum für künstlerischen und intellektuellen Austausch.“ Zahlreiche bilaterale Kulturvereine dieser Art sind mittlerweile bundesweit in allen Bundesländern aktiv. Allein im Jahr 2025 förderte das ifa 15 Projekte.
Förderung der ukrainischen Sprache und Kultur
Achtzig Kilometer südlich von Kehl liegt die Universitätsstadt Freiburg, in der die Deutsch-Ukrainische Gesellschaft Freiburg (DUG Freiburg) ansässig ist. Im November 2025 fand dort mit großem Erfolg zum zweiten Mal die Ukrainische Filmwoche statt. Die Nachfrage war so groß, dass die Veranstalter größere Säle anmieten mussten, die Platz für bis zu 300 Personen boten.
Auf dem Programm standen Dokumentarfilme, Kinderfilme und Komödien in ukrainischer Sprache, die alle während des Krieges produziert wurden. Dazu gehörte der Dokumentarfilm „Porcelain War“, der Künstler an der Front begleitete und bei den Oscars 2025 als bester Dokumentarfilm nominiert wurde. Außerdem wurde die Science-Fiction-Komödie „U Are the Universe“ gezeigt, die die Geschichte eines LKW-Fahrers erzählt, der glaubt, der letzte Mensch im Universum zu sein. „Ich bin so stolz, dass wir solche Filme in der Ukraine machen“, sagt Oksana Vyhovska, Vorsitzende des DUG Freiburg. Die Filme waren nicht nur unterhaltsam, sondern stießen auch auf Dankbarkeit. „Das Publikum hatte auch während der Komödien Tränen in den Augen. Für viele war es etwas ganz Besonderes, ukrainische Filme in Deutschland in ihrer Originalfassung sehen zu können“, erklärt sie.
Die DUG Freiburg wurde vor 33 Jahren gegründet und hat rund 120 Mitglieder. Die Aktivitäten umfassen ein breites Spektrum, von der Unterstützung ukrainischer Flüchtlinge beim Einstieg in Deutschland über die Organisation von Konzerten bis hin zur Gründung von Theatergruppen und der Planung von Ausstellungen. Der Verein richtete außerdem eine Samstagsschule für ukrainische Kinder ein. „Die Ukrainer sind mittlerweile die zweitgrößte ausländische Gemeinschaft in Deutschland“, erklärt Vyhovska. Nach Angaben des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung lebten im Jahr 2025 rund 1,2 Millionen ukrainische Asylbewerber in Deutschland. „Deshalb muss die ukrainische Sprache und Kultur künftig durch mehr Projekte gefördert werden“, sagt Vyhovska.
Wie Erinnerung zur Identität wird
Zurück in Kehl lässt eine Frage an Andrukhovych nach ihrem Leben in ihrer Heimat den Saal nun stillen. Wie viele andere ukrainische Künstler lebt die Autorin immer noch mit ihrer Familie in Kiew und weigert sich, ihr Land zu verlassen, obwohl ihr Leben in Gefahr ist. „Es ist extrem schwierig geworden“, sagt sie. „Die Angriffe werden häufiger, die Zahl der Drohnen steigt. Beim letzten Angriff waren es offenbar rund 800.“ Dennoch, sagt sie, überwiege die Hoffnung. Andrukhovych erklärt, wie sie in ihrem Roman „Amadoka“ erklären wollte, wie Identität aus der Erinnerung entsteht und wie trotz Schmerz eine positive Einstellung entstehen kann. „Wir können das Negative nicht ignorieren. Nur wenn wir die schwierigen Momente der Geschichte anerkennen, können wir daraus Kraft schöpfen.“










