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Ein Geheimbericht des deutschen Militärattachés in Kiew lässt Kriegsbeobachter aufhorchen. Militärexperte Mölling sieht vor allem ein grundlegendes Problem.

Es klingt alarmierend, was der Militärattaché der deutschen Botschaft in Kiew kürzlich vor Angehörigen der Bundeswehr berichtete. Demnach bereiten die von Deutschland gelieferten Waffensysteme in der Ukraine so große Probleme, dass sie sich kaum an der Front einsetzen ließen.

So habe die Panzerhaubitze 2000 eine „so hohe technische Anfälligkeit, dass Kriegstauglichkeit stark infrage gestellt wird“, heißt es in dem Geheimbericht des Militärattachés, über den WDR, NDR und „Süddeutsche Zeitung“ am Donnerstag berichteten. Der Kampfpanzer Leopard 1A5 gelte zwar als zuverlässig, werde „aber aufgrund zu schwacher Panzerung oft nur als Behelfsartillerie eingesetzt“, heißt es. Und beim neueren Leopard 2A6 sei der Aufwand der Instandsetzung hoch und eine Reparatur an der Front oft nicht möglich.

Auch im Luftkampf sei der Nutzen der von Deutschland gelieferten Waffen begrenzt. Das Flugabwehrsystem Iris-T sei zwar sehr wirkungsvoll, allerdings sei der Preis für die Munition zu hoch und diese „nicht in der notwendigen Zahl vorhanden“, heißt es in dem Bericht. Patriot sei zwar grundsätzlich ein „hervorragendes Waffensystem“ zur Luftverteidigung, aber „untauglich für den Kriegseinsatz, weil Trägerfahrzeuge zu alt und keine Lieferung von Ersatzteilen seitens Hersteller mehr möglich“ seien. „Uneingeschränkt kriegstauglich ist kaum ein deutsches Großgerät“, so das ernüchternde Fazit.

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Aber sind die Probleme wirklich so groß, wie von dem Militärattaché beschrieben? Die FDP-Wehrexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann äußert Zweifel: „Der Bericht klingt dramatischer, als es in der Realität ist. Wir haben keinen Schrott geliefert. Allerdings sind nicht alle Waffensysteme gleich einfach in der Handhabung und in der Wartung“, sagte die frühere Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Sicherheit und Verteidigung t-online.

Auch der Militärexperte Christian Mölling sieht den Bericht skeptisch. „Ich wäre da vorsichtig, diese Informationen beruhen letztlich auf Hörensagen“, sagt der Politikwissenschaftler vom European Policy Centre t-online. „Klar gibt es da Probleme, das deutsche Kriegsgerät ist ja sozusagen in der Theorie gebaut worden und nicht aus einer Kriegserfahrung heraus. Diese Waffen entsprechen häufig eher deutschen Zivilstandards als den Anforderungen an einen Kriegseinsatz.“

(Quelle: teutopress GmbH/imago-images-bilder)

Christian Mölling ist Senior Advisor beim European Policy Centre. Zuvor war er Direktor des Programms „Europas Zukunft“ der Bertelsmann-Stiftung sowie für die „Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik“ (DGAP) tätig. Er studierte Politik-, Wirtschafts- und Geschichtswissenschaften an den Universitäten Duisburg und Warwick und promovierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Andere Aspekte des Berichts hält Mölling wiederum für wenig überraschend. „Dass der Leopard 1A5 schlecht gepanzert ist, ist nichts Neues“, sagt der Experte für internationale Sicherheit. „Und es wundert mich auch nicht, dass es Probleme mit der Wartung der Waffen gibt. Das muss auch alles erst mal aufgebaut werden.“ Dazu gehöre eine funktionierende Logistik, die in einem Land von der Größe der Ukraine nicht einfach bereitzustellen sei. Auch die Kritik am Flugabwehrsystem Iris-T lässt Mölling nur bedingt gelten.

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„Was soll denn das heißen, die Munition für Iris-T sei zu teuer? Wo wird das gegengerechnet? Wir wissen ja, wie viel die Iris-T-Raketen kosten und auch deren Produktion lässt sich steigern. Das ist eine Frage des Geldes“, so Mölling. Außerdem sei die Produktion der Iris-T-Munition schon stark hochgefahren worden. Für eine effektive Luftverteidigung sei es ohnehin entscheidender, einen Mix aus verschiedenen Systemen zur Verfügung zu haben. „Ich würde da erst mal mit den Ukrainern sprechen, was denen am meisten hilft.“ Mölling gibt überdies zu bedenken, dass Luftverteidigung nicht nur eine Frage von Flugabwehrsystemen ist.

Die FDP-Wehrexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann: Es seien „nicht alle Waffensysteme gleich einfach in der Handhabung und in der Wartung“. (Quelle: Kay Nietfeld/dpa/dpa-bilder)

„Zusätzlich könnte man die Ukraine auch mit weiterreichenden Raketen ausstatten, damit sie den Spieß umdrehen und Luftwaffenstützpunkte und Raketenstellungen in Russland treffen kann.“ Ideal für diesen Zweck seien etwa Marschflugkörper vom Typ Tomahawk. Diese stehen der Ukraine aber nicht zur Verfügung. Der deutsche Marschflugkörper Taurus sei eher geeignet, um tief im Boden liegende Hauptquartiere zu zerstören.

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„Diese Fähigkeiten entwickelt die Ukraine inzwischen selbst, weil der Westen diese Waffen nicht liefert“, so Christian Mölling. Wie weit die Ukraine bei der Entwicklung sei, lasse sich von außen schwer einschätzen. FDP-Politikerin Strack-Zimmermann sieht in dem Bericht aus Kiew auch Positives.

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