“17 Jahre eine Lüge gelebt”: Schiedsrichter machen Homosexualität öffentlich

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“17 Jahre eine Lüge gelebt”

Schiedsrichter machen Homosexualität öffentlich

Gerade weil ihr Coming-out eine Nachricht ist, machen Craig Napier und Lloyd Wilson ihre Homosexualität öffentlich. Das schottische Schiedsrichter-Duo fordert den Fußball auf, dem gesellschaftlichen Wandel zu mehr Toleranz und Akzeptanz zu folgen.

Eigentlich ist es Schiedsrichtern am liebsten, wenn niemand über sie spricht. Dann haben sie in den allermeisten Fällen eine gute, weil unauffällige Leistung gezeigt. Craig Napier und Lloyd Wilson allerdings wenden sich nun an die Öffentlichkeit, gerade weil sie möchten, dass über sie gesprochen wird. “Es ist an der Zeit, dass sich das Klima ändert und die Menschen das Gefühl haben, sie selbst sein zu können, und ein glückliches und sorgenfreies Leben führen können – und dass sich dieser Wandel auch auf den Fußball überträgt”, sagt Napier, der wie Wilson seine Homosexualität öffentlich gemacht hat: “Eigentlich sollte das keine Nachricht sein, aber ich glaube, im Moment ist das notwendig.”

In einem Video des schottischen Fußballverbandes berichtet Napier davon, dass er abseits des Sportplatzes deutlich offener mit seiner Sexualität umgegangen sei, aber “der Fußball ist anders”. Lange habe er seine Gefühle für sich behalten, weshalb er jetzt die öffentliche Diskussion voranbringen möchte. “Es fühlt sich an wie der Endpunkt einer Reise dahin, mich so zu nehmen, wie ich bin.” Das Coming-out des britischen Wasserspringers und Olympiasiegers Tom Daley habe ihn zwar inspiriert, diesen Schritt auch zu gehen, “aber nicht genug, um mich sicher damit zu fühlen”, denn: “Da ist noch immer diese Barriere” im Fußball, so der Schiedsrichter, der in der gerade beendeten Saison zehn Erstliga-Spiele in der schottischen Premiership geleitet hat.

Wilson pfeift nicht in der höchsten schottischen Liga und öffnet sich im Gespräch mit Back Onside, einer Organisation für mentale Gesundheit. Auch er fühlt sich am Ende einer Reise angekommen, “einer grauenvollen, um ehrlich zu sein”. 17 Jahre lang habe er “ein Leben geführt, das ich nicht führen wollte, eine Lüge gelebt, auf eine Art und Weise gelebt, wie andere Menschen es von mir erwartet haben oder wie ich zumindest dachte, dass sie es von mir erwarten.” Besonderen Einfluss darauf habe der Fußball genommen, sagt Wilson weiter. Deshalb spreche er jetzt öffentlich über seine Homosexualität, um anderen diese Reise zu ersparen.

17-Jähriger outet sich als erster Fußballprofi in Europa

Napier berichtet darüber hinaus, das Coming-out von Jake Daniels habe ihn ermutigt. Der 17-Jährige vom englischen Zweitligisten FC Blackpool hat jüngst als erster aktiver Fußballprofi in Europa seine Homosexualität öffentlich gemacht und dafür viel Zuspruch erfahren. “Ich bewundere seine Courage”, sagt Napier, der sein langes Schweigen rückblickend bereut: “Wenn ich meinen Freunden – die alle toll darauf reagiert haben – in Jakes Alter davon erzählt hätte, hätte ich ein einfacheres, erfüllteres Leben gehabt.” Er könne die Uhr zwar nicht zurückdrehen, “aber mich dafür einsetzen, dass möglichst viele Menschen lesen, dass es auch anders geht”.

Dem 32-Jährigen geht es nicht nur um sein persönliches Empfinden, sich nicht mehr verstellen zu wollen. “Der Fußball sollte ein Abbild der Gesellschaft sein, und der ernüchternde Umstand, dass es keine offen homosexuellen Spieler in Schottland gibt”, obwohl das statistisch höchst unwahrscheinlich bis unmöglich sei: “Das sollte nicht sein.” Jedes Mal, wenn Napier sich jemandem geöffnet habe, “fühlte sich das an, als würde ich eine Last loswerden, physisch und psychisch”.