Jeder kennt die Bilder vom Brandenburger Tor am 9. November 1990: Menschen stehen auf der Mauer, jubeln und feiern die Geschichte im Moment ihrer Entstehung. Die Szenen sind emotional, mitreißend, ikonisch – auch für diejenigen, die damals nicht dabei waren oder nicht geboren wurden.

Doch nur wenige Kilometer entfernt liegt ein Ort, der auch bei der deutschen Wiedervereinigung eine zentrale Rolle spielte: der ehemalige Berliner Grenzbahnhof Friedrichstraße. Kaum ein anderer Ort erlebte den rasanten Wandel des Mauerfalls so unmittelbar.

„Wir kannten die Ängste auf beiden Seiten, die Schweißausbrüche (…), wenn man diese Grenze überschreiten musste“, sagen die Dokumentarfilmerinnen Konstanze Binder und Lilly Grote. Der Bahnhof Friedrichstraße wurde zum Ausgangspunkt ihres Films.

Die vier Kamerafrauen Konstanze Binder, Lilly Grote, Ulrike Herdin und Julia Kunert dokumentierten innerhalb eines halben Jahres aus Ost und West, was sich dort abspielte. Der daraus entstandene Film „Berlin, Friedrichstraße, 1990“ ist eine spannende Beobachtung und ein Zeitzeugnis zugleich.

Der Film wurde diese Woche im Rahmen der Berlinale-Retrospektive „Lost in the 90s“ gezeigt. Die beiden Regisseurinnen Lilly Grote und Konstanze Binder sprachen mit Euronews über die Entstehung des Films – und über ihre eigenen Erfahrungen in dieser historischen Phase.

Perspektiven aus Ost und West

Fast 90 Minuten lang verfolgt der Film die Ereignisse am Bahnhof Friedrichstraße, die nach der berühmten Pressekonferenz des DDR-Regierungssprechers Günter Schabowski nie wieder so sein sollten wie vorher.

Die Filmemacher sprechen mit Grenzbeamten, Kioskverkäuferinnen und Reisenden. Sie dokumentieren, wie bereits wenige Monate nach der Grenzöffnung eine neue Realität Gestalt annahm.

Das Kollektiv arbeitete bewusst aus zwei Perspektiven: Lilly Grote und Konstanze Binder mit westdeutschem Hintergrund, Ulrike Herdin und Julia Kunert mit ostdeutscher Erfahrung. Diese gegensätzlichen Standpunkte prägen den Film.

„Wir hatten alle unterschiedliche Perspektiven auf die Ereignisse, unterschiedliche Erfahrungen mit der Grenze“, sagt Konstanze Binder gegenüber Euronews. „Für die Menschen aus der DDR war es eine viel existenziellere Veränderung. Aus unserer Erfahrung war der Bahnhof der Ort, der alles zusammenhielt – diese unterschiedlichen Perspektiven.“

Auch in der Zusammenarbeit mit ihren Kollegen sei der Unterschied spürbar gewesen, erklärt Binder: „Beide Seiten sprechen Deutsch, aber die deutsche Sprache hier ist voller unterschiedlicher Erfahrungen.“

Bahnhof Friedrichstraße: ein Ort der Angst

Für viele war der Bahnhof Friedrichstraße jedoch jahrzehntelang ein Ort der Angst. Auch deshalb haben sich die Regisseure bewusst für diesen Ort entschieden und nicht für symbolträchtige Orte wie den Checkpoint Charlie.

„Wir kannten die Ängste auf beiden Seiten, die Schweißausbrüche, dass man sich sofort unwohl fühlte, wenn man über diese Grenze musste, man fühlte sich beobachtet. Dieses Gefühl von beiden Seiten – von Ost nach West und umgekehrt – war der Ausgangspunkt. Es war klar: Wir würden am Bahnhof Friedrichstraße drehen.“

Schon der Anfang des Films unterstreicht diese Atmosphäre: Ein Zug fährt langsam am Bahnhof an, die Musik ist angespannt, fast bedrohlich.

Historisch gesehen war der Bahnhof eine Art „Flaschenhals“ für das geteilte Deutschland. In Ost-West-Richtung war dies die letzte Station vor West-Berlin. Nach dem Mauerbau im August 1961 wurde der Durchgangsbahnhof zum Grenzübergang. Der Check-in-Pavillon ist bis heute erhalten geblieben – aufgrund der vielen Abschiede bis 1989 trägt er den Namen „Tränenpalast“.

Eine Szene zu Beginn des Films verdeutlicht die Bedrohlichkeit dieses Ortes vor der Wende: Ein Musiker wird auf dem Weg in den Westen von Grenzbeamten herausgezogen und verhört – sein Cello habe „zu viele Saiten“. „Ich habe Angst“, sagt er im Film. Sein Reisepass wurde vorübergehend einbehalten.

Die Grenzhäuser: Erst ein Engpass, dann abgebaut

Neben den Menschen stehen jedoch auch die Grenzkontrollposten im Mittelpunkt des Films. Sie symbolisieren die Jahrzehnte der Teilung – und deren Ende. Die Kamera zeigt, wie sie nach und nach an Bedeutung verlieren und schließlich abgebaut werden.

Aber mit ihnen verschwindet auch die Rolle derjenigen, die dort gearbeitet haben.

Zu Beginn wird ein Grenzschutzbeamter in Uniform interviewt. Er spricht sachlich über die Anforderungen seines Jobs, über die Sorgfalt und Verantwortung bei der Passkontrolle. Im Laufe des Films wird sein Arbeitsplatz jedoch Stück für Stück abgebaut. Am Ende bleibt nur noch Staub übrig, über den Reisende hinweggehen, als hätte es den Kontrollpunkt nie gegeben.

„Es gibt viel Staub, der wird weggefegt. Und im selben Moment kommt die erste S-Bahn. Die Leute laufen einfach rüber – man sieht, dass die Geschichte schon vergessen hat, dass es dort früher ein Grenzhaus gab“, erklärt Regisseurin Lilly Grote. „Es ist ein Symbol für den gesamten Bahnhof.“

Später zeigt der Film zwei Männer in Freizeitkleidung, die beim Abbau einer dieser Hütten helfen. Sie rauchen und sitzen zusammengesunken da. Früher standen sie hier in Uniform, aufrecht und mit einer klaren Rolle. Von diesem offiziellen Auftreten ist wenig übrig geblieben. In gewisser Weise haben sie ihren Arbeitsplatz selbst abgerissen.

Von der Hoffnung zur Ernüchterung

Der Film sei damals auch kritisiert worden, sagt Lilly Grote, weil er nicht ausschließlich die Euphorie der Wiedervereinigung gezeigt habe. „Es war nicht so jubelnd: Großartig, großartig, großartig, wir haben jetzt alles gemeistert. Der Film drückt tatsächlich die Stimmung aus, die wir heute haben.“

Viele Menschen im Film äußern die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, ein Passant beschreibt die Zeit der Mauer als „Gefängnis“. Allerdings berichten einige Ostdeutsche auch von Sorgen: Angst vor Arbeitslosigkeit, Erfahrungen von Überheblichkeit oder Abwertung.

Rückblickend sieht Grote auch einen Zusammenhang mit der heutigen politischen Stimmung. „Die Hoffnungen vieler in der DDR wurden sehr enttäuscht. Das sieht man, das spürt man.“

Mit Blick auf die Wiedervereinigung sagt sie, dass die Menschen nicht automatisch zusammengewachsen seien. „Wir müssen uns anstrengen. Man kann nicht sagen, dass alles gelungen ist.“

Wir brauchen weiterhin Dialog und Verständnis. Wir müssen uns erklären, miteinander reden, diskutieren und zusammenkommen. Unterschiedliche Erfahrungen mit der gleichen Sprache haben oft unterschiedliche Hintergründe – und das macht sich auch heute noch bemerkbar.

Auf die Frage, wen sie heute am Bahnhof Friedrichstraße interviewen würde, sagt Grote, dass sie sich immer noch für den Ort als Transitbahnhof interessiere – zum Beispiel für Züge wie den ehemaligen Paris-Moskau-Express, die weiter nach Osten fahren, dorthin, wo heute eine Art Grenze zwischen Russland und Europa verläuft.

„Das interessiert mich als Bild in beide Richtungen. Der Bahnhof als Ausgangspunkt. Wir alle träumen von Bahnhöfen, von Zügen, die weit weg fahren – morgens in Paris ankommen, am Gare du Nord einen Kaffee trinken. Das hat etwas Zeitloses.“

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