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Finanzen

Migration wird das Problem niemals lösen

wochentlich.deBy wochentlich.de5 April 2024Keine Kommentare4 Mins Read
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Migration wird das Problem niemals lösen
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„Das klingt wie eine andere Welt, aber die meisten Dinge, die wir heute haben, waren Utopien am Anfang.“
Der Arbeits- und Fachkräftemangel in Deutschland beschäftigt Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zunehmend. Die Gründe dafür sind vielfältig, sagt Prof. Dr. Norbert Schneider, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Demografie.
„Das gängige Narrativ lautet: Die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer altern aus dem Arbeitsmarkt heraus. Die nachwachsenden Generationen sind sehr viel kleiner. Diese Betrachtung ist verkürzend, weil es weitere wichtige Ursachen gibt.“
„Wir müssen das Ganze multifaktoriell denken und nicht auf den demografischen Wandel reduzieren.“
Weitere Faktoren sind zum Beispiel der kulturelle Wandel, eine veränderte Arbeitsmotivation, ein späterer Berufseintritt oder die Binnenwanderung aus ländlichen Regionen in die Städte.
In einigen Berufsgruppen zeigen sich der Mangel und der fehlende Nachwuchs besonders deutlich:
„Wir haben einen Mangel bei personennahen Dienstleistungen, in der Pflege, in der Gastronomie als Beispiel. Generell kann man sagen, wir haben einen Mangel in schlecht bezahlten Berufen mit ungünstigen Arbeitsbedingungen und dem schlechten oder geringen sozialen Prestige. Dort haben wir einen Mangel und es ist doch vollkommen klar, dass die wenig attraktiven Tätigkeiten von immer weniger Personen gewählt werden.“
Aber auch in naturwissenschaftlich-technischen MINT-Berufen fehlt es an Nachrückern.
Der Anteil der über 55-Jährigen in diesem Bereich lag im Jahr 2021 bei knapp einem Viertel (24 Prozent), rund zehn Jahre zuvor waren es nur 17 Prozent.
Bei den Pflegekräften sieht es ähnlich aus: 2021 waren 23 Prozent aller Pflegekräfte älter als 55 Jahre, 2012 lag dieser Anteil noch bei 15 Prozent.
Bei den Mechatronik-, Energie- und Elektroberufen nahm der Anteil der älteren Beschäftigten von 17 Prozent auf 22 Prozent zu.
Viele Experten beschwören den Lösungsansatz, mehr Arbeitskräfte durch Migration zu bekommen. Betrachtet man die Prognosen, zeigt sich allerdings: Migration allein kann das Problem nicht lösen.
Selbst bei hohen Zuwanderungszahlen
(Variante 3) werden es bis Mitte der 2030er-Jahre 1,6 Millionen erwerbstätige Personen weniger sein als jetzt.

Bei niedrigeren Zuwanderungszahlen (Variante 1) könnten es sogar 4,8 Millionen weniger sein.
Olaf Scholz betonte zuletzt dennoch die Bedeutung der Zuwanderer für Deutschland:
„Unser Wohlstand und die Leistungskraft, unsere Unternehmen, würden gar nicht existieren ohne die vielen Bürgerinnen und Bürger, die im Laufe der vergangenen Jahrzehnte nach Deutschland eingewandert sind. Jetzt brauchen wir dringend weitere Zuwanderer in unserem Arbeitsmarkt.“
Diese Grafik zeigt, aus welchen Ländern die meisten Menschen im erwerbstätigen Alter einwandern.
In den Jahren 2017 bis 2021 entfielen rund 40 bis 50 Prozent der Zuwanderung auf Menschen mit türkischer, syrischer, rumänischer, bulgarischer oder indischer Staatsangehörigkeit.
„Wir müssen einfach sehen, ein Großteil dieser Zuwanderer sind Menschen, die als Schutzsuchende zu uns kommen. Zunächst mal nicht als Personen, die als qualifizierte Arbeitskräfte zu uns kommen.“
„Also wir haben ganz viel Zuwanderung. Die kleinste Form ist eigentlich die Arbeitskräfte-Zuwanderung aus Drittstaaten.“
Dennoch: Die Zahl der qualifizierten Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Staaten, die nach Deutschland kommen, hat zugenommen – sowohl für Menschen mit als auch ohne Blue Card.
Die Blue Card ist ein Aufenthaltstitel für Akademikerinnen und Akademiker, die von außerhalb der EU kommen. Voraussetzungen für den Erhalt: Hochschulabschluss, ein konkretes Arbeitsplatzangebot und ein bestimmtes jährliches Mindestbruttogehalt.
Die viel beschworene Zuwanderung sei aber eben nicht der heilige Gral, warnt der Experte:
„Die Wirtschaftsweise Schnitzler sprach ja davon, dass wir 1,5 Millionen pro Jahr Zuwanderer brauchen, um das angeblich demografisch Bedingte, den Mangel, zu füllen. Das ist natürlich völlig unmöglich.“
„Migration wird das Problem, das wir haben, niemals lösen können. Es kann das Problem verringern.“
Man müsse weitere Faktoren in Betracht ziehen – und, so seine These, den klassischen Lebenslauf neu denken.
„Der ist seit 150 Jahren, würde ich mal sagen organisiert als drei Phasen Modell Ausbildung, Lernen, Aktivität, Ruhestand. Und das ist mittlerweile absolut obsolet.“
Die jüngere Generation startet später ins Arbeitsleben und hat mehr Unterbrechungen in Form von beispielsweise Sabbaticals.
„Wir müssen einfach begreifen, dass das mittlere Erwachsenenalter nicht nur aus Aktivität besteht, sondern dass man auch dort mal Ruhephasen braucht. Also insofern müssen wir den Lebenslauf im Prinzip so organisieren, dass wir dauerhaft lernen, dass wir dauerhaft aktiv sein können und wollen und dass wir dauerhaft aber auch mal die Notwendigkeit verspüren oder sie gerne haben wollen, längere Ruhepausen einzulegen.“
„Das klingt wie eine andere Welt, aber die meisten Dinge, die wir heute haben, waren Utopien am Anfang.“
Auf diesen Wandel muss die Wirtschaft flexibel reagieren, zieht Schneider sein Fazit.

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