Brexit, Nationalismus, Ungleichheit – die EU kämpft mit vielen Herausforderungen. Was steht für seine Bewohner auf dem Spiel, wenn die Union auseinanderbricht?
Der Grund, warum der Brexit so bedrohlich erschien, war, dass wir einen Dominoeffekt befürchteten. Doch das Gegenteil war der Fall: Die Länder rückten einander näher. Wir sind uns im täglichen Leben oft nicht bewusst, wie sehr wir in der EU voneinander abhängig sind. Von der Produktion über den Handel bis hin zur Organisation von Bildung und Medizin sind wir längst länderübergreifend miteinander verbunden.
Wir müssten so viel Zeit damit verschwenden, alles wieder aufzuteilen, wenn wir die Europäische Union abschaffen wollten. Ich denke, dass den Bürgern der EU auch bewusst ist, dass das keinen Sinn ergibt. Allerdings ist unsere innere Abhängigkeit von Europa nicht ausreichend ausgeprägt, um ein funktionierendes, vertrauensvolles Verhältnis innerhalb der Europäischen Union zu gewährleisten. Aber würden Sie in einer Welt leben wollen, in der jeder jeden anderen betrügt? Das wäre sicher die Hölle. Meine Hoffnungen ruhen auf der Jugend: Es sind junge Menschen, die die Energie haben, Dinge zu verändern.
Gesine Schwan stammt aus einer sozial engagierten Familie, die in der Zeit des Nationalsozialismus Widerstandsbewegungen angehörte. Sie kandidierte 2004 und 2009 für das Amt des Bundespräsidenten. Fast zehn Jahre lang war sie Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. 2009 gründete sie gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern die HUMBOLDT-VIADRINA School of Governance. Heute ist sie Präsidentin und Mitbegründerin der im Juni 2014 gegründeten HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform, die sich für die Förderung demokratischer Prozesse und Governance-Strategien in Deutschland, Europa und der Welt einsetzt.
Interview: Sarah Kanning
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