Wenn Herrgott über den Landkreis spricht, nennt er viele Zahlen: Anzahl der Kleingartenkolonien und Vereine, Höhe ihrer Fördermittel, Arbeitslosenquote, Durchschnittseinkommen in der Region. Und er kennt die Verwaltung, weiß, wie er Gelder aus dem immer klammen Haushalt des Landes lockermacht. Herrgott kämpft mit Stift und Papier, mit den Mitteln der Verwaltung.
Auch er unterstützt Proteste in der Region: Nach dem Treffen mit Meisters will er zu einer Mahnwache der Bauern in der Region, die gegen die Ampelregierung protestieren. Bevor der CDU-Abgeordnete in seinen BMW einsteigt, klopft er gewissenhaft den Schnee von seinen Schuhen. Dann steuert er langsam durch weiße Landschaften.
Der Protest der Bauern sei legitim, ihr Anliegen wichtig, findet er. Von Anfang an habe er sie unterstützt, zum Beispiel beim Anmelden der Demonstrationen – „damit alles sauber und ordentlich läuft“.
„Das Ungerechtigkeitsempfinden im Kreis ist hoch“
Und auch Herrgott wirbt mit bundesweiten Reizthemen auf seinen Plakaten. „Bürgergeld abschaffen“ steht da zum Beispiel oder „Arbeitspflicht für Asylbewerber“. Der 39-Jährige spricht das rasch von sich aus an, es klingt ein wenig nach Rechtfertigung. „Viele hier arbeiten im Mindestlohnsektor“, sagt er. „Das Ungerechtigkeitsempfinden ist hoch.“ Seine Überzeugung sei: Wer arbeiten könne, solle etwas zurückgeben.
Er wolle aber nicht das Blaue vom Himmel versprechen, keine Phrasen dreschen. Er sagt nicht: „so wie die AfD“, aber meint es wohl. Die Pläne, als Kreis selbst bei den lokalen Krankenhäusern einzusteigen, die AfD-Mann Thrum bewirbt, seien im Kreistag bereits Thema gewesen, sagt Herrgott – und abgelehnt worden. Weil Experten sich dagegen aussprachen oder es „0 Knowhow“ im Landkreis gab. „Wenn man ehrlich ist: Wir hätten das nicht hinbekommen“, sagt Herrgott. Schon andere Kreise seien daran gescheitert.
Herrgott lenkt mit der linken Hand, mit der rechten gestikuliert er. Ob die aktuelle Stimmung, die bundesweite Diskussion, die Massenproteste gegen die AfD ihm im Wahlkampf helfen oder schaden? „Schadet“, sagt Herrgott wie aus der Pistole geschossen. Und wiederholt kopfschüttelnd: „Schadet.“
Es herrsche ohnehin Dauerkrise und Dauer-Alarmismus, nun werde die Stimmung zusätzlich aufgeheizt. Das sei für viele schwierig zu verarbeiten. Aber: „Es ist nicht meine Aufgabe, die Leute zu belehren“, sagt Herrgott. Er könne nur anregen, dass sie sich mit der Wahl beschäftigen.
Landwirt: „Wir wollen nicht unvernünftig werden“
Beim Bauernprotest leuchtet ein großes Feuer, ein Getränkestand ist aufgebaut, die Freie Feuerwehr hält sich bereit. Mehr als 100 Menschen trinken, reden, reiben sich die Hände warm. Auf dem Feld gegenüber stellen Landwirte mit rund 30 Traktoren den Schriftzug „SOS“ auf. Eine Drohne soll gleich darüber fliegen, Bilder aus der Luft machen. Bauernprotest 2.0.
Matthias Schein empfängt Herrgott mit einem Handschlag und einem Lächeln. „Schön, dass du hier bist“, sagt der große, schlanke Mann.
Das „SOS“ war Scheins Idee. Der 43-Jährige ist Geschäftsführer einer Agrargenossenschaft, die 2.900 Hektar Ackerland bestellt. Als Herrgott Getränke bestellen will, reicht Schein ihm einen Becher, den er an einer Kette mit sich trägt. „Kinderpunsch bitte“, sagt er. „Wir wollen nicht unvernünftig werden.“
Die Unvernunft – für Schein greift sie schon viel zu weit um sich. Die hohe Zustimmung zur AfD, zu Thrum, zu Höcke? „Wie kann man nur so unvernünftig sein!“, stöhnt Schein. „Es wird unterschätzt, was hier eigentlich geleistet wird von der Verwaltung.“ Das gelte insbesondere für Herrgott, der immer unterstütze, erreichbar sei, Tipps gebe, wie man gesetzliche Spielräume maximal ausnutzen könnte.
Er unterstütze Herrgott so gut es gehe, weiche auch im Privaten unbequemen Gesprächen über die Politik nicht aus. Aber mit Blick auf die Stichwahl am Sonntag „habe ich schon ein Stück weit Sorge“.
Am Feuer hoffen einige auf Herrgott. Aber ihre Stimmen sind leiser und verhaltener als am AfD-Stand bei Thrum. Die meisten nicken ihm nur zu, erst als er sich verabschiedet, wünschen ihm mehrere Frauen und Männer viel Glück. „Ich drücke dir alle Daumen“, sagt eine Frau im langen Wintermantel. „Du musst das schaffen.“
Wie Herrgott selbst die Lage einschätzt?
„Das wird eine enge Kiste.“













