„Evolutionäres Rätsel“

Forscher durchleuchten besonderes Sexualverhalten


Aktualisiert am 20.11.2025 – 19:32 UhrLesedauer: 2 Min.

Der Kuss: Hier zwischen der sterblichen Prinzessin Psyche und dem griechischen Gott Eros auf einem Bild des französischen Malers François Gérard. (Quelle: IMAGO/imago)

Wissenschaftler haben sich mit der Frage beschäftigt, wieso Menschen sich küssen. Ihr evolutionärer Ansatz verrät auch etwas zum Verhältnis der frühen Menschen zu den Neandertalern.

Die Forscher sprechen von einem „evolutionären Rätsel“: Wissenschaftler der Universität Oxford und des Florida Institutes of Technology haben in einer am Mittwoch publizierten Arbeit die Entwicklung des Küssens analysiert.

Denn dass sich zwei Menschen küssen, ist keineswegs etwas Selbstverständliches. Im Gegenteil: Wie Matilda Brindle, Catherine Talbot und Stuart West festhalten, scheinen auf den ersten Blick die Risiken zu überwiegen. Küssen diene weder direkt der Fortpflanzung noch dem Überleben, die potenziellen Kosten durch eine Krankheitsübertragung seien hingegen hoch, schreibt das Forschertrio.

Bei genauerer Betrachtung sei ein Kuss aber auch in vielerlei Hinsicht nützlich. Er ermögliche unter anderem „die Beurteilung der Partnerqualität anhand olfaktorischer Signale“. Soll bedeuten: Ein Kuss ist nicht nur schön, das gleichzeitige Geruchserlebnis erlaube auch „die Einschätzung des allgemeinen Gesundheitszustands“ des küssenden Gegenübers und beeinflusse damit die „prä- und postkopulatorische sexuelle Selektion“.

Unmittelbarer als der Einfluss auf das genetische Erbe der Menschheit ist derjenige auf das körpereigene Abwehrsystem der Küssenden. „Schließlich können sowohl platonische als auch sexuelle Küsse die Übertragung von Mikroben ermöglichen, die dem Immunsystem zugutekommen“, heißt es in der Arbeit.

Um herauszufinden, wie der Kuss zum Menschen kam, haben die beiden Forscherinnen und ihr Kollege nun zunächst geschaut, bei welchen modernen Primatenarten bereits „nicht aggressiver Mund-zu-Mund-Kontakt ohne Nahrungsaustausch“ beobachtet wurde. Das Ergebnis: außer beim Östlichen Gorilla bei allen Menschenaffengattungen.

Mithilfe eines statistischen Ansatzes simulierten die Forscher anschließend verschiedene Evolutionsszenarien entlang der Äste des Primaten-Stammbaums, um die Wahrscheinlichkeit abzuschätzen, dass auch Vorfahren küssten. Um robuste statistische Schätzungen zu erhalten, führten sie ihr Modell zehn Millionen Mal aus, dann hatten sie das Ergebnis.

Demnach ist Küssen eine uralte Verhaltensweise, die gemeinsame Vorfahren von Menschen und Affen bereits vor Millionen von Jahren praktizierten. Vermutlich habe sich der Kuss vor 21,5 bis 16,9 Millionen Jahren in die Evolution des Menschen geschlichen, um bis heute zu bleiben.

Auch Neandertaler, die vor etwa 40.000 Jahren ausgestorbenen nahen Verwandten des Menschen, haben sich der Analyse zufolge höchstwahrscheinlich geküsst. Dieses Ergebnis wiederum stützt laut den Kussforschern eine frühere Hypothese anderer Wissenschaftler, die sich dem Zahnbelag von Neandertalern gewidmet hatten – und daraus auf den Austausch von Intimitäten zwischen Neandertalern und Menschen schlossen. Ja, sagen nun Brindle, Talbot und West: Menschen und Neandertaler haben sich ziemlich sicher geküsst.

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