Inflationsrate in Eurozone: “Sehen Mitte 2023 wohl erst volle Wirkung der Zinserhöhungen”

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Inflationsrate in Eurozone

“Sehen Mitte 2023 wohl erst volle Wirkung der Zinserhöhungen”

Die Teuerungsrate in der Eurozone hat einen neuen Rekordwert erreicht. “Die Inflation ist schnell gestiegen, sie kann aber auch sehr schnell wieder fallen”, sagt Pimco-Portfoliomanager Konstantin Veit. Da die jüngste Zinserhöhung erst mit Zeitverzögerung wirkt, kann es noch ein wenig dauern.

Nun ist es sogar noch schlimmer gekommen als befürchtet: Die Inflationsrate in der Eurozone erreichte im Oktober nach vorläufigen Daten den Rekordwert von 10,7 Prozent. Dabei war schon die Expertenschätzung skeptisch genug, die im Vorfeld laut Bloomberg bei 10,3 Prozent lag. Doch so langsam könnte die Inflation ihre Spitze erreicht haben. “Wir werden im Schlussquartal dieses Jahres voraussichtlich den Höhepunkt der Inflation in der Eurozone erleben”, sagt Konstantin Veit im Capital-Interview, Portfoliomanager beim Vermögensverwalter Pimco in London. “Die Inflation ist schnell gestiegen, sie kann aber auch sehr schnell wieder fallen.”

Doch bis dahin kann es ein wenig dauern, auch weil die jüngsten Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank um insgesamt 200 Basispunkte erst mit Zeitverzögerung wirken werden. “Wir werden wohl erst Mitte nächsten Jahres die volle Wirkung der Zinserhöhungen sehen”, lautet Veits Prognose. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte während ihrer jüngsten Pressekonferenz jene Zeitverzögerungen herausgehoben, deren Existenz bereits seit Jahrzehnten Standard in der ökonomischen Theorie sind. Die EZB hatte vergangenen Donnerstag zum zweiten Mal ihre Leitzinsen um 75 Basispunkte angehoben, wird im Dezember dann nach Veits Einschätzung zu 50 Basispunkten zurückkehren. “Je näher die EZB dem neutralen Zins kommt, desto vorsichtiger wird sie vorgehen”, lautet seine Prognose.

Der neutrale Zins ist ein Niveau, bei dem die Geldpolitik weder expansiv noch kontrahierend auf die Wirtschaft einwirkt. Das Problem: Dieser neutrale Zins ist kein fixierter Wert, sondern muss geschätzt werden. Für die Eurozone liegen die Schätzungen in einer sehr breiten Spanne von 1,25 bis 2,0 Prozent. Der für den Markt derzeit relevante Leitzins, der Einlagensatz, beläuft sich nach der Ankündigung von vergangener Woche ab diesem Mittwoch auf 1,50 Prozent. Spätestens mit 50 Basispunkten im Dezember wäre die EZB also definitiv am oberen Ende des neutralen Zinssatzes angekommen, möglicherweise ist sie jetzt sogar schon dort.

“Ab zwei Prozent wird die EZB vermutlich vorsichtiger werden, was die Zinsschritte angeht”, sagt Veit. Dann könnten also wieder die üblichen Zinserhöhungsschritte von 25 Basispunkten zum Tragen kommen. “Vorstellbar ist dann auch eine Phase der Ruhe”, betont Veit, also eine Pause bei den Zinserhöhungen. Grundsätzlich werde sich die Notenbank nicht von Zinserhöhungen abhalten lassen, solange die erwartete Rezession mild ausfallen sollte, die Wirtschaft der Eurozone also nur um rund 1 Prozent schrumpfen sollte. “Eine milde Rezession löst wahrscheinlich nicht alle Inflationsprobleme”, betont Veit. Der Markt preist aktuell einen Zielzinssatz von 3 Prozent ein, Veit möchte sich da aber nicht konkret festlegen. “Die Unsicherheit bei der Inflation ist sehr hoch, und die Zinsentwicklung hängt stark von der Entwicklung der Inflation in den kommenden Monaten ab”, betont er. Allerdings habe die EZB mit ihren Jumbo-Zinsschritten auch ein Stück an Glaubwürdigkeit zurückgewonnen. “Die EZB hat zuletzt gezeigt, dass sie es ernst meint der Inflationsbekämpfung.”

Veit: EZB wird zunächst nur passiv agieren

Doch auch wenn die EZB ab Dezember das Tempo rausnimmt bei den Zinserhöhungen, so wird sie voraussichtlich die Geldpolitik weiter straffen. Dazu wird, so Veit, beitragen, dass die langfristigen Finanzierungsgeschäfte der EZB, die TLTROs, in im Jahr 2024 automatisch auslaufen. Deren Volumen könnte sogar vorher schon sinken, weil die EZB vergangene Woche ankündigte, die Konditionen für die TLTROs zu straffen. Veit zufolge stecken in diesen Tendern, oder vereinfacht gesagt: Emissionen, rund 2,1 Billionen Euro der aktuell noch 8,8 Billionen Euro großen Bilanz der EZB. Ein weiterer Ansatzpunkt einer strengeren Geldpolitik ist die Quantitative Straffung (Quantitative Tightening, QT), also die Umkehrung der Anleihekäufe aus den Programmen der Quantitativen Lockerung (Quantitative Easing, QE). Veit erwartet für Dezember konkrete Aussagen der EZB, wie dies ablaufen soll.

“Wir gehen davon aus, dass sie sich nur mit ihrem regulären Kaufprogramm APP beschäftigen wird und nicht mit Pandemieprogramm PEPP. Es wird die erste Verteidigungslinie im Kampf gegen Fragmentierung bleiben”, sagt Veit. Außerdem werde die EZB seiner Einschätzung nach zunächst nur passiv agieren, also Rückflüsse aus auslaufenden Anleihen nicht mehr, wie bislang, reinvestieren. “Ich gehe momentan nicht davon aus, dass die EZB aktiv Anleihen am Markt verkaufen wird.” Doch auch der passive Ansatz hätte erhebliche Auswirkungen auf den Finanzmarkt, denn damit würden Veits Schätzungen zufolge jährlich rund 250 Milliarden Euro von der EZB-Bilanz verschwinden.

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