Vorschlag von Karl Lauterbach sorgt für Streit

0
15

Natürlich gibt es Bilder von dem Tag. Sie zeigen, wie zwei schwarze Limousinen über Kopfsteinpflaster durch den Kiez rollen. Wie Polizisten die Fußgängerzone sichern, während sich der Bundesgesundheits­minister erklären lässt, was das ist, ein Gesundheitskiosk. Und dann natürlich die Pressekonferenz im Innern der Beratungsstelle in Billstedt, tief im Hamburger Osten: Vor Karl Lauterbach, dem Minister, stehen fünf Mikrofone der Rundfunkanstalten. Vor dem Geschäftsführer des Kiosks steht nur ein Glas Wasser.

So sieht es aus, wenn die Bundespolitik ihr Regierungsviertel verlässt, um vor Ort eine Reform anzukündigen. Die soll einmal das ganze Land betreffen. Bis zu 1000 Kioske will Lauterbach bundesweit entstehen lassen, einen pro 80.000 Einwohner. Kleine Einrichtungen, von Pflegekräften geleitet, die das bisherige System aus Arztpraxen und Krankenhäusern er­gänzen sollen. Es wäre eine kleine Revolution des deutschen Gesundheitswesens. Etwas, mit dem sich Lauterbach jenseits von Pandemie und Klinikreform profilieren könnte. Die Kioske, „das sind niedrigschwellige Zugänge für diejenigen, die man sonst immer erst erreicht, wenn es zu spät ist“, sagt der Sozialdemokrat bei seinem Besuch in Hamburg. Das war Ende August.

Am gleichen Tag veröffentlicht sein Mi­nisterium die Eckpunkte der geplanten Reform. Lauterbachs Kioske sollen die Ge­sundheitskompetenz von Menschen in Problemvierteln fördern, heißt es im Eckpunktepapier. Sie sollen die Bürger an die richtigen Ärzte und Behörden verweisen und sogenannte medizinische Routineaufgaben übernehmen, also den Blutdruck messen und bei Diabetikern den Blutzucker. Jeder Kiosk muss von einer examinierten Pflegefachkraft geleitet wer­den. Die Mitarbeiter sollen die Wunden der Patienten versorgen und bei Be­darf auch Spritzen setzen.

Jemand hinter dem Tresen und jede Menge Faltblätter: Blick in den Gesundheitskiosk in Billstedt.


Jemand hinter dem Tresen und jede Menge Faltblätter: Blick in den Gesundheitskiosk in Billstedt.
:


Bild: Niklas Grapatin


In Skandinavien gibt es vergleichbare Einrichtungen schon lange, doch sind die Gesundheitssysteme im Norden auch ganz anders aufgebaut als hier. Lauterbachs Eckpunkte sehen vor, dass jede Kommune ent­scheidet, ob sie einen solchen Kiosk aufbaut. Wenn sie das will, muss sie selbst aber nur ein Fünftel der Kosten tragen. Den Rest übernehmen die Krankenkassen, wobei die Gesetzlichen den Großteil schultern, die Privaten nur einen kleinen Teil. Nein sagen können beide nicht. Insgesamt fast drei Viertel aller Rechnungen würden an den gesetzlichen Kassen hängenbleiben, wenn Lauterbachs Reform so in Kraft träte.

Bezahlen, ohne mitzureden? Das wollen viele Kassen nicht hinnehmen. Der AOK-Bundesverband verwies darauf, dass die Finanzlage der Kassen „prekär“ sei, für das kommende Jahr wird das Defizit auf insgesamt 17 Milliarden Euro geschätzt. Deshalb soll „mindestens die Hälfte der benötigten Mittel von der öffentlichen Hand“ aufgebracht werden, fordert die AOK. Ein anderer Kassenverband hob hervor, dass die Kioske „auch Aufgaben der Daseinsvorsorge“ übernehmen sollen. Das heißt, sie sollen Lotsen sein durch das deutsche Versorgungssystem, das gerade für Menschen mit Migrationshintergrund oft noch schwerer zu durchblicken ist als ohnehin schon. Und das, so die Kritik, sei eben nicht Aufgabe der Kassen.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein