Markus Lanz: Precht und Welzer – „Das ist keine einfache Runde heute Abend“

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Es sind Vorwürfe, die Medienhäusern und Journalisten seit Jahren in so ziemlich jeder Krise immer wieder vorgehalten werden: einseitige Berichterstattung, Zensur bestimmter Meinungen, den Mächtigen nach dem Mund reden. Ob Flüchtlings- oder Corona-Krise oder nun der russische Angriffskrieg auf die Ukraine: Immer wieder empfinden Menschen bestimmte Sachverhalte oder Blickwinkel in „den Medien“ als nicht ausreichend gewürdigt. Am Donnerstagabend saßen im ZDF-Talk bei Markus Lanz zwei Männer, die in der Berichterstattung deutscher Medien über den Ukrainekrieg „Selbstangleichung“ wittern: Philosoph Richard David Precht und Sozialpsychologe Harald Welzer. Über ihre Vorbehalte diskutierten sie mit Melanie Amann, Leiterin des „Spiegel“-Hauptstadtbüros, und dem stellvertretenden WELT-Chefredakteur Robin Alexander.

„Das ist keine einfache Runde heute Abend“, sagt Lanz schon ganz zu Beginn der Sendung – und soll Recht behalten. Die – wenn man sie denn so nennen will – Argumente von Precht und Welzer waren von Amann und Alexander schnell auseinandergenommen. Die Sendung ging trotzdem noch rund 50 Minuten weiter – wirklich keine einfache Runde. Vor allem für den Zuschauer.

In ihrem neuen Buch „Die vierte Gewalt – Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird“ werfen Precht und Welzer deutschen Medien vor, im Russland-Ukraine-Krieg selbst zu handelnden Akteuren geworden zu sein und kritischen Stimmen in Bezug auf Waffenlieferungen zu wenig Platz eingeräumt zu haben. Die Autoren hatten sich im Frühjahr selbst in einem offenen Brief gegen Waffenlieferungen an die Ukraine ausgesprochen – und die angegriffene Ukraine unzweideutig dazu aufgefordert, sich ihrem Schicksal zu fügen. Eine militärische Chance bestünde doch gegen die übermächtigen Russen ohnehin nicht.

Kurz gesagt sitzen also zwei Männer in einer Talkshow, deren (Fehl-)Prognosen in deutschen Medien immer wieder thematisiert wurden – und beklagen sich über zu wenig Medienpräsenz für solche Urteile.

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Alexander geht auf zwei zentrale Vorwürfe in dem Buch ein, die sich – wie er sagt – „denklogisch ausschließen“: Journalisten zum einen vorzuhalten, sie würden sich mit den Mächtigen gemein machen, und auf der anderen zu behaupten, sie würden Politiker zu Entscheidungen treiben, die nicht gut sind – das geht nicht zusammen. Alexander: „Bleiben wir mal bei der These, wir treiben Scholz.“ Die erste Forderung der Ukraine sei die nach einer Flugverbotszone gewesen. Die Bundesregierung habe sich nicht auf diese Forderung eingelassen – deutsche Leitmedien sich aber eben auch nicht auf die Seite der Ukraine gestellt. Im Buch komme diese erste Forderung der Ukraine aber gar nicht vor.

Precht widerspricht: „Die Flugverbotszone kommt in unserem Buch vor“. Alexander prüfte das im Nachgang der Aufzeichnung der Talksendung. Auf Twitter postete er das Bildschirmfoto einer Begriffssuche im Buch – weder der Begriff „Flugverbotszone“ noch Synonyme waren zu finden.

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Irgendwann versucht Precht zu erklären, worauf er mit dem gemeinsamen Buch mit Welzer hinauswollte: „Es geht darum, wenn man sich die deutsche Presselandschaft anguckt, mit welcher unglaublichen Einhelligkeit eine bestimmte Deutung der Ereignisse und eine bestimmte Form darauf zu reagieren überall zu lesen war.“ Es gebe ein „enormes Übergewicht einer bestimmten Positionierung“ – das werde die empirische Medienforschung beweisen. Alexander hört diesen Ausführungen Prechts kopfschüttelnd zu. Amann nimmt sie inhaltlich auseinander: In Prechts und Welzers Werk stünden Dinge, „die viele Leute so denken. Da stehen aber auch viele Dinge drin, die etwas mehr Recherche verdient hätten. Weil sie haben ja nicht systematisch ausgewertet, wie wir über den Krieg berichtet haben. Sondern Sie haben beschrieben, wie Sie wahrnehmen, wie wir über den Krieg berichtet haben.“ Es sei in keiner Weise qualitativ oder quantitativ untersucht worden, wie Medien tatsächlich berichtet haben. – „Das geht ja noch gar nicht“, wirft Precht ein. – „Natürlich geht das“, kontert Amann. „Das dauert halt ein bisschen länger als zwei, drei Monate.“

Alexander nimmt sich als Nächstes dem Vorwurf der „Selbstangleichung“ an. In einer Mitteilung ihres Verlags war gar in NS-Duktus von „Gleichschaltung“ die Rede gewesen. Precht und Welzer werfen deutschen Medien vor, in weiten Teilen mit gleicher Stoßrichtung über den Ukrainekrieg geschrieben und ihn kommentiert zu haben. „Da habe ich heute Mittag mal das getan, was Sie nicht gemacht haben“, sagt der WELT-Journalist. Er habe nachgesehen, „was wir geschrieben haben“. Seine nachfolgende Aufzählung macht deutlich, dass allein bei WELT ganz unterschiedliche Meinungen vertreten waren und sind: „12. März: ‚Waffenstillstand – je eher, desto besser‘; Stefan Aust, unser Herausgeber. 13. April: ‚Selenskyj sollte den Bogen nicht überspannen‘ – nach der Steinmeier-Ausladung; Jacques Schuster, unser Politikchef. 26. April: ‚Die Ukraine zum demokratischen Musterstaat zu erklären, ist eine Illusion‘; Thomas Schmid, unser Vordenker. 3. Mai: ‚Nicht jeder Skeptiker ist ein Putin-Versteher‘ – gegen Waffenlieferungen; Elisa Hoven, Richterin am sächsischen Verfassungsgerichtshof, Unterschrift bei diesem Emma-Brief.“

Alexanders Conclusio: Die Behauptung, in deutsche Medien schrieben weitgehend alle das Gleiche sei „einfach falsch. Und wenn Sie das Ihren Lesern erzählen, erzählen Sie ihnen die Unwahrheit“.

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Welzer und Precht ziehen sich darauf zurück, dass es in der Berichterstattung quantitativ klare Schlagseite gegeben habe. „Glauben Sie ernsthaft, dass ausgeglichen in den deutschen Leitmedien die Position der Zweifler an Waffenlieferungen genauso breit zu Wort gekommen ist wie diejnige der Befürworter?“, fragt Precht. – Amann: „Man hätte sich gewünscht, dass Sie dieser Frage für die Recherche an Ihrem Buch einfach mal nachgegangen wären.“ Stattdessen seien die Autoren dieser Frage nur nach ihrem Bauchgefühl nachgegangen. Precht sei vielleicht ein umtriebiger Leser, aber kein Rechercheur bei dem Thema: „Es tut mir leid, aber Sie argumentieren aus dem Bauch raus“, sagt Amann.

Nur Sekunden später bestäigt Precht genau diesen Eindruck Amanns: Alexander habe jetzt vier Gegenbeispiele aufgezählt. „Vier zu fünfhundert – eindrucksvoller Beweis ausgeglichener Berichterstattung“, sagt der Philosoph ironisch. – „500 ist ja offensichtlich eine erfundene Zahl“, hält Amann ihm entgegen. – Precht: „Oder 2000 oder was auch immer.“ – Amann: „So können Sie mit Zahlen umgehen, aber dann ist es halt nicht faktentreu.“ Und dann bringt die „Spiegel“-Journalistin das Wirrwarr auf den Punkt: „Wenn man keine solide Faktengrundlage für die eigene Recherche hat, dann landet man halt im Unterholz jetzt, wo wir uns zerreißen, welche Zahl ist jetzt die richtige. Hätten Sie uns die geliefert, hätten wir das auch angenommen.“

Was genau steht im Buch?

Immer wieder in der Sendung scheint es, als wüssten Precht und Welzer – wie bei der Flugverbotszone – nicht mehr so genau, was sie in ihrem Buch geschrieben haben. An einer Stelle verweist Amann auf eine Passage, in der stehe, dass es seit den 1990er-Jahren journalistische Ausbildungen gebe in Deutschland. Die Journalistenschule, auf der sie war, sei aber 1949 gegründet worden. Precht bestreitet, dass das so im Buch stehe.

Im Schlusskapitel, greift Amann ein weiteres Beispiel an Nichtrecherche auf, würden die Autoren Journalisten mehr Workshops zur Selbstreflexion ihrer Arbeit empfehlen: „Ich könnte als Journalistin wahrscheinlich jedes zweite Wochenende zu einem Workshop gehen“, kontert Amann mit einer Beschreibung der Realität. Welzer interveniert sinngemäß: Auch das stehe nicht im Buch.

Lanz sagt am Ende der Sendung, er finde das Buch „interessant. Ich finde es lesenswert“. Ganz ohne Werbeblock für seinen Podcast-Partner Precht geht es wohl nicht. Nachdem die Autoren zuvor vor allem beschrieben haben, was alles nicht im Buch steht, muss allerdings jeder selbst wissen, ob er die 22 Euro wirklich investieren will.

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