Dieser Börsengang könnte Geschichte schreiben – oder auch nicht. Denn die Frage, wie viel ein Unternehmen tatsächlich wert ist, hat die KI-Branche noch nicht beantwortet.
1,5 Billionen, vielleicht zwei Billionen US-Dollar – so viel soll das amerikanische KI-Unternehmen Anthropic an der Börse wert sein, wenn demnächst der Börsengang ansteht. Aber wofür? Das fragen immer mehr Investoren. Und weil die Antwort auf diese Frage noch nicht wirklich gefunden wurde, sind bereits börsennotierte Konkurrenten auch schon das eine oder andere Mal an der Börse abgestraft worden. Was heißt das für Anthropic und seine Börsenpläne?

Zur Person
Antje Erhard arbeitet seit rund 20 Jahren als Journalistin und TV-Moderatorin. Ihr Weg führte sie von der Nachrichtenagentur dpa-AFX u. a. zum ZDF. Derzeit arbeitet sie für die ARD-Finanzredaktion in Frankfurt und berichtet täglich, was in der Welt der Börse und Wirtschaft passiert.
Schauen wir mal zusammen zurück: Erinnern Sie sich? 2021 benannte Mark Zuckerberg sein Unternehmen Facebook in Meta um, so überzeugt war er von der Zukunft virtueller Welten. Er wollte ein Metaverse bauen – eine virtuelle Welt parallel zur Realität. Seit 2019 waren laut Statista fast 90 Milliarden US-Dollar in das Projekt geflossen, Meta hatte damit aber hohe Verluste gemacht. Und so wurde nach und nach umgeschwenkt auf KI.
Nun ist KI nicht mit virtuellen Welten gleichzusetzen, schon klar. Die Nachfrage nach KI-Produkten ist groß. Anders als beim Metaverse, das sich kaum einer wirklich vorstellen konnte. Anthropic macht damit Milliarden an Umsatz. Doch das Beispiel Meta zeigt, dass sich Unternehmen irren können, ob und wie schnell sich eine Technologie durchsetzt oder eben nicht. Heute ist die Frage: Lohnen sich die hohen KI-Investitionen eines Tages? Und: Wird Anthropic einer der Profiteure sein?
Starke Position im harten Wettbewerb
Anthropic, das Unternehmen hinter dem KI-Assistenten Claude, ist davon überzeugt. Und will mit dem geplanten Börsengang ein Ausrufezeichen setzen. Anthropic hat sich tatsächlich im KI-Wettbewerb eine starke Position erarbeitet, setzte im ersten Halbjahr 16,3 Milliarden US-Dollar um. Im Vorjahreszeitraum waren es 1,2 Milliarden.
Laut Medienberichten will Anthropic bei seinem Börsengang bis zu 100 Milliarden US-Dollar einnehmen. Aber rechtfertigt dieses ehrgeizige Ziel tatsächlich Bewertungen von 1,5 oder zwei Billionen US-Dollar?
Achtung, hier darf man den Wert eines Unternehmens und das Geld, das es beim Börsengang einnimmt, nicht verwechseln. Wird Anthropic mit 1,5 Billionen US-Dollar bewertet, bedeutet das nicht, dass es so viel Geld beim Börsengang bekommt. Die Bewertung ergibt sich aus dem Preis der Aktien und der Aktienanzahl, die ausgegeben wird. Nur der tatsächlich verkaufte Anteil bringt neues Geld. Und dabei kommt es darauf an, ob bestehende Anteilseigner Aktien verkaufen oder das Unternehmen neue Aktien ausgibt.
Neuer Rekord möglich, aber …
Zum Vergleich: Der saudi-arabische Ölkonzern Saudi Aramco hatte bei seinem Börsengang 2019 einschließlich einer späteren zusätzlichen Aktienplatzierung rund 29,4 Milliarden US-Dollar eingenommen, Elon Musks Raumfahrt- und KI-Konzern SpaceX spielte im Juni dieses Jahres 86 Milliarden US-Dollar Emissionserlös ein. Sollte Anthropic tatsächlich 100 Milliarden US-Dollar bei Anlegern einsammeln, wäre das ein neuer Rekord.