Gefährliche Zweitinfektion
Experte warnt vor „dramatisch dürftigen“ Impfraten
01.11.2026 – 12:01 UhrLesedauer: 2 Min.
Pneumokokken-Infektionen treten immer häufiger auf. Dabei sind ausgerechnet die Risikogruppen, für die eine Impfung empfohlen wird, kaum geschützt.
Die Zahl der Pneumokokken-Infektionen in Deutschland ist messbar angestiegen. Laut Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) wurden 2023 noch rund 6.500 Fälle registriert, 2025 waren es bereits 10.500. Im ersten Halbjahr 2026 zählte das RKI 6.000 Fälle. Geimpft ist bislang aber nur ein kleiner Teil der gefährdeten Gruppen, berichtet die „Pharmazeutische Zeitung“.
Pneumokokken sind Bakterien, die über Tröpfchen beim Husten, Niesen oder Sprechen übertragen werden und nicht selten zu einer Zweitinfektion nach einer Grippeerkrankung führen. Sie können neben harmlosen Erkrankungen wie Mittelohrentzündungen auch schwere Verläufe auslösen – darunter Lungenentzündung, Hirnhautentzündung und Blutvergiftung.
Die RKI-Daten zeigen dabei nicht nur einen Anstieg der Gesamtzahlen bei Pneumokokken-Infektionen, sondern auch einen früheren saisonalen Beginn mit einem Anstieg der Fälle im Herbst. Auf die Entwicklung hat Professor Dr. Claus Vogelmeier, Internist und Pneumologe aus Marburg, bei einer Pressekonferenz des Pharmaunternehmens Pfizer hingewiesen.
Hohe Einweisungsrate, hohe Sterblichkeit
Wie ernst die Erkrankung verlaufen kann, zeigen die Zahlen zur Krankenhausbehandlung. Bei Menschen ab 60 Jahren liegt die Einweisungsrate laut Vogelmeier bei 52 Prozent. Fast ein Fünftel von ihnen stirbt noch im Krankenhaus, die Sterblichkeit nach einem Jahr liegt bei fast 50 Prozent. Etwa ein Viertel der Pneumokokken-Lungenentzündungen bei stationären Patienten verläuft mit Bakterien im Blut. Die Sterblichkeitsrate beträgt bei Personen ab 60 Jahren 12 Prozent.

Gut zu wissen
In Deutschland erkranken jedes Jahr mehrere hunderttausend Menschen an einer Lungenentzündung. Etwa jeder zweite bis dritte Fall davon ist auf Pneumokokken zurückzuführen. Auch wenn die Bakterien das ganze Jahr über Saison haben, tritt eine durch Pneumokokken verursachte Lungenentzündung vor allem im Herbst und Winter auf.
Besonders gefährdet sind Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ihr Risiko, an einer ambulant erworbenen Lungenentzündung zu erkranken, ist laut Vogelmeier mehr als dreimal so hoch wie bei Gesunden. Jeder fünfte Patient, der wegen einer Lungenentzündung ins Krankenhaus kommt, stirbt dort. Weitere 5 Prozent sterben innerhalb der ersten 30 Tage nach der Entlassung, wobei Herz-Kreislauf-Ursachen mit über 60 Prozent im Vordergrund stehen. „Die erhöhte Mortalitätsrate bleibt noch bis zehn Jahre nach dem Ereignis bestehen“, betonte Vogelmeier.
Impfquote ist trotz Gefahren gering
Trotz dieser Gefahren und der Empfehlungen der Stiko ist die Impfquote gering. Nur 24 Prozent derjenigen, die aufgrund einer Grunderkrankung oder Immunschwäche zur Risikogruppe gehören, sind geimpft. Rechnet man die Gruppe der über 60-Jährigen hinzu, liegt die Durchimpfungsrate insgesamt bei lediglich 11 Prozent. Vogelmeier bezeichnete die Impfraten als „dramatisch dürftig“.