„Passt vieles nicht ins übliche Muster“
Bekennerschreiben von Daniel V. – Experte hat erhebliche Zweifel
05.09.2026 – 16:29 UhrLesedauer: 3 Min.
Nach Anschlägen auf Umspannwerke fahndet die Polizei europaweit nach einem 48-Jährigen. Zwei Bekennerschreiben führten auf seine Spur – doch ein Experte sieht darin bedenkliche Ungereimtheiten.
Nach den Anschlägen auf Umspannwerke in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen fahndet die Polizei weiter nach einem 48-jährigen Mann aus Gevelsberg. Nach Behördenangaben ist der Gesuchte Jahrgang 1977, nach ihm wird europaweit gefahndet.
Auf die Spur des 48-Jährigen kamen die Ermittler durch zwei Bekennerschreiben. Darin bekennt sich der Unterzeichner Daniel V. zu den Sabotageakten auf Umspannwerke in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg. Ob der Gesuchte die Briefe tatsächlich verfasst hat, ist bislang unklar. Nach Angaben von Reul halten die Ermittler die Schreiben allerdings für authentisch. Sie enthielten demnach Täterwissen.
Der Sicherheitsexperte Peter R. Neumann, der nach eigenen Angaben in seiner Laufbahn Hunderte Bekennerschreiben gelesen hat, meldet jedoch Bedenken an. Die Schreiben, die Daniel V. zugeschrieben werden, gehörten „zu den ungewöhnlichsten“, die ihm je begegnet seien, schreibt Neumann auf der Plattform X. Er zweifelt dabei weniger an der Herkunft der Schreiben, als viel mehr an dem angegeben Motiv.
Terrorismusforscher sieht ungewöhnliches Muster
Dass sie handgeschrieben sind, sei selten, aber nicht einmalig. Dass aber Daniel V. darin seinen vollen Namen nennt, komme fast nie vor. Dies sei aber kein Widerspruch. Was Neumann vor allem irritiert, ist etwas anderes: Der Verfasser erklärt kaum, warum er die Taten begangen haben will.
Denn genau darin liege normalerweise der Zweck eines Bekennerschreibens: Täter wollten ihre Gewalt einordnen und so darstellen, dass sie nicht als bloßes Verbrechen, sondern als politischer Akt verstanden werde. „Durch Bekennerschreiben bekommt Gewalt eine politische Botschaft“, schreibt Neumann.
Selbst Rechtsextremisten verfassten deshalb häufig lange Manifeste. Manche investierten nach Neumanns Darstellung mehr Zeit in diese Texte als in die Planung ihrer Tat. Sie wollten erklären, wie sie zu ihren Überzeugungen gelangt seien – und andere womöglich dazu bringen, diesen Gedankengang nachzuvollziehen.

Zur Person
Peter R. Neumann (geboren 1974) ist Professor für Sicherheitsstudien am King’s College London. Zu seinen Fachgebieten zählen Radikalisierung, Terrorismus, Aufstandsbekämpfung und Nachrichtendienste. Zudem hat Neumann bereits mehrere Bücher über diese Themengebiete verfasst.
„Gerade bei diesem Täterprofil hätte ich etwas anderes erwartet“
Bei Daniel V. sieht Neumann genau diese ausführliche Herleitung nicht. Laut Medienberichten ist der mutmaßliche Saboteur ein studierter Mediziner Ende 40. „Gerade bei diesem Täterprofil hätte ich etwas anderes erwartet“, so Neumann.
Nur das erste Schreiben nenne überhaupt eine Motivation – und das in drei kurzen Sätzen. Darin gehe es um fossile Brennstoffe, den angeblichen „Völkermord in Palästina“ und die Vermeidung von Leid. Es gebe keine ausführliche Begründung, keine Herleitung und keinen Versuch, andere am eigenen Gedankengang oder an einer möglichen Radikalisierung teilhaben zu lassen.