CSD in Magdeburg
AfD-Regierung? „Wir reden darüber, auszuwandern“
Annika Leister berichtet aus Magdeburg
23.08.2026 – 02:24 UhrLesedauer: 8 Min.

Sachsen-Anhalt feiert den CSD – nach dem Anschlag in Berlin stark geschützt von der Polizei. Doch die Angst ist groß, dass der Staat hier bald nicht mehr Freund und Beschützer ist.
Die Regenbogenflagge um Charlies Schultern weht im Wind. Die 15-Jährige steht mit Freunden am Rande des Magdeburger Domplatzes. Sie ist Sachsen-Anhalterin, aus ihrem Heimatort ganz in der Nähe angereist. „Mit Angst“, sagt sie. „Aber auch mit dem Gefühl: Ich muss Flagge zeigen für unsere Demokratie, für unsere Freiheit.“
Charlie ist queer. Seit Anfang der Woche besucht sie eine neue Schule. An ihrer alten sei sie gemobbt worden, nachdem sie sich geoutet habe, erzählt sie. Mitschüler hätten sie beleidigt, ihr geschrieben, sie sei „ekelhaft“. Oder: „Ich soll mich umbringen.“ An der neuen Schule sei es besser. „Da bin ich nicht mehr alleine queer.“
Das gilt auch heute in Magdeburg. Denn hinter Charlie sammelt sich ihre Community. Da wehen Dutzende Regenbogenflaggen, tanzt ein großes Einhorn, unterhalten sich Männer in bauchfreien Oberteilen und Frauen in Pailettenkleidern. Auf Schildern steht „Liebe, Digga, Liebe“, „Queerrechte ins Grundgesetz“ oder „Lebe so, dass die AfD etwas dagegen hat“.

Es ist das 30. Jubiläum des Christopher Street Days (CSD) in Magdeburg. Viele Teilnehmer stammen aus der Region, andere Gruppen sind aus dem Rest der Bundesrepublik angereist. Und fast alle hier formulieren es ähnlich wie Charlie: Man müsse Flagge, Gesicht, Präsenz zeigen. Jetzt erst recht. Jetzt so sehr wie lange nicht mehr.
Denn am 6. September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag – und die AfD ist so stark wie nie. Eine AfD-Alleinregierung ist eine realistische und viel diskutierte Möglichkeit. Auf dem Magdeburger Domplatz ist das ein Horror-Szenario: „Wir reden in meiner Familie tatsächlich darüber, auszuwandern, wenn das passiert“, sagt Charlie. Und auch damit ist sie hier nicht allein.
Großaufgebot der Polizei
Angst bei der Anreise hatte die 15-Jährige aber aus einem anderen Grund. Vor knapp einem Monat wurde der CSD in Berlin durch einen Akt der Gewalt beendet. Ein islamistischer Attentäter raste mit einem Transporter in die feiernde Menge. Eine Frau starb, 29 weitere Menschen wurden verletzt, zum Teil schwer. Auf dem Handy des Mannes wurde ein Video gefunden, auf dem ein Vermummter sich zu den Terroristen vom „Islamischen Staat“ (IS) bekennt.
Die Polizei ist deswegen heute mit noch mehr Kräften im Einsatz als üblich. Der Domplatz, auf dem die Bühne steht, ist mit schweren Pollern eingegrenzt. Entlang der Demoroute blockieren Polizei-Vans jede einzelne Querstraße. Beamte in Zivil laufen in der Menge mit, Beamte in Uniform säumen den Protestzug eng. Während die Bässe wummern, schauen sie sich aufmerksam um.