Bayer-Chef Bill Anderson sieht Deutschland in einer tiefen Krise: zu teuer, zu langsam, zu bürokratisch. Dennoch glaubt der US-Manager an den Standort. Im Interview erklärt er, warum er trotz aller Krisen optimistisch bleibt.
Hohe Strompreise, ausufernde Bürokratie, schwaches Wachstum: Für viele Manager ist Deutschland zum Sorgenkind geworden. Bayer-Vorstandsvorsitzender Bill Anderson teilt die Kritik, hält aber trotzdem wenig von Untergangsszenarien.
Der US-Manager hat beim Leverkusener Konzern Tausende Führungspositionen gestrichen, Hierarchien aufgebrochen und setzt auf radikale Eigenverantwortung. So will er den Dax-Konzern auf Effizienz trimmen.
Im Interview mit t-online erklärt Anderson, warum Deutschland zwar ein ernstes Problem hat, aber kein hoffnungsloser Fall ist. Außerdem spricht er über die Monsanto-Altlasten, den Glyphosat-Streit in den USA und die Frage, was Friedrich Merz von seinem Führungsmodell lernen könnte.
t-online: Herr Anderson, in Deutschland wird viel über die Wirtschaftskrise und Deindustrialisierung gesprochen. Sind diese Ängste übertrieben?
Bill Anderson: Deutschland steht vor massiven wirtschaftlichen Herausforderungen, und die Bedingungen sind aktuell nicht gut. Gleichzeitig gibt es große Chancen auf positive Veränderungen. Beides stimmt. Gute Führung bedeutet, diese Realität anzuerkennen.
Beim Strompreis zum Beispiel kann man nicht so tun, als sei es kein Problem, dass er in Deutschland mehr als dreimal so hoch ist wie an der texanischen Golfküste und mehr als doppelt so hoch wie in China. Das ist ein massiver Standortnachteil. Hinzu kommen etwa hohe Lohnnebenkosten und ein lähmendes Maß an Bürokratie. Darüber wird viel gesprochen, aber ich sehe keinerlei Entlastung. Im Gegenteil: Berichtspflichten und Regulierungen nehmen weiter zu. Ich bin seit drei Jahren hier und es wird einfach nicht besser.
- „Das kann zu deutlich geringeren Ernten führen“: Lesen Sie hier den ersten Teil des Interviews mit Bill Anderson
Was ist der Kern des Problems: die deutsche Mentalität, die aktuelle Regierung oder etwas ganz anderes?
Ich bin niemand, der von außen kommt und glaubt, alle Antworten zu kennen. Aber es gibt Dinge, bei denen ich mir recht sicher bin.
Ein Beispiel ist die deutsche Mitbestimmung. Das Prinzip, dass Management und Beschäftigte eine gemeinsame Vision für das Unternehmen entwickeln, liegt mir sehr am Herzen. Aber das Mitbestimmungsrecht in der deutschen Gesetzesform ist ein riesiges Regelwerk. Man nimmt eine schöne Idee und presst sie in so viele starre Regeln, dass kaum noch etwas möglich ist.

Zur Person
Bill Anderson, geboren 1966, ist seit 1. Juni 2023 Vorstandsvorsitzender der Bayer AG. Zuvor war der US-Amerikaner in führenden Positionen bei den Biotech- und Pharmakonzernen Biogen, Genentech und Roche tätig. Anderson hat Chemieingenieurwesen und Management in Texas und am Massachusetts Institute of Technology studiert. Der 59-Jährige gilt als erfahrener Pharma-Manager und soll Bayer bei der Bewältigung der Monsanto-Rechtsstreitigkeiten sowie der strategischen Neuausrichtung des Konzerns voranbringen. Er setzte einen radikalen Umbau der Managementstruktur um, sein Vertrag wurde im Sommer 2025 vorzeitig bis Ende März 2029 verlängert. Anderson ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Düsseldorf. Er bezeichnet sich als gläubigen Christen, der seine Kraft aus dem Glauben an Gott schöpft.
