Die Entscheidung des Regisseurs Wim Wenders, einen Film mit einer Nacktszene der 13-jährigen Nastassja Kinski vorerst zu sperren, ist richtig. Doch es gibt noch sehr viel aufzuarbeiten.
Eine richtige Entscheidung wird nicht dadurch falsch, dass sie mit Verzögerung getroffen wird. Der Filmregisseur Wim Wenders hat in der Frage, wie er mit der Nacktszene aus „Falsche Bewegung“ der damals 13-jährigen Nastassja Kinski umgeht, nach jahrelangem Ringen eine richtige Entscheidung gefällt: Er hat sich entschuldigt und den Film vorerst für alle weiteren Auswertungen gesperrt. Zudem hat der Autorenfilmer angekündigt, mit Kinski in den Austausch zu gehen.
Es irritierte jedoch, wie zögerlich Wim Wenders zuvor in der Sache agierte. Schließlich kämpft die Schauspielerin Nastassja Kinski seit Jahren um das Herausschneiden der Filmszene. Seit der Vergabe des Deutschen Filmpreises für sein Lebenswerk am vergangenen Freitag und dem daraus resultierenden Druck auf Wenders zeigt sich dennoch: Er hat nur teilweise dazugelernt, weil er weiterhin nicht bereit ist, die notwendige Konsequenz zu ziehen. Zugleich entlarvt die Debatte, dass viele andere Akteure bisher mindestens genauso versagt haben – und es noch tun.
Grotesk, wie lange diese Entscheidung dauerte
In seiner Stellungnahme, die er am Mittwoch über seine Stiftung öffentlich machte, schrieb Wim Wenders, Nastassja Kinski hätte damals „besser beschützt werden müssen“ und leitet daraus die entscheidende Passage ab: „Dafür bitte ich Dich um Entschuldigung, Nastassja, ohne Wenn und Aber.“ Dieser Schritt war längst überfällig. Der Film von 1975 zeigte eine damals minderjährige Nastassja Kinski mit nacktem Oberkörper, wie sie von einem deutlich älteren, halb nackten Mann geohrfeigt und anschließend gestreichelt wird. Es ist geradezu grotesk, dass eine Frau jahrelang kämpfen muss, um das Recht auf ihren eigenen Körper, ja, ihre Würde zurückzuerlangen.

Seit 2014 bittet Kinski den Regisseur darum. Sie wolle nicht mehr als „Kindfrau“, als frühreife, vermeintliche „Femme fatale“ erscheinen. Dass es falsch war, wie man mit ihr umging, wusste sie schon damals, sagte sie kürzlich noch einmal in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“.
Dass es Wim Wenders der Schauspielerin derart schwer gemacht hat, ist zu verurteilen. Der gefeierte Autorenfilmer hat seine Karriere darauf aufgebaut, Werke in Eigenregie zu erschaffen und alle zentralen Entscheidungen um einen Film allein zu treffen. Dass er sich ausgerechnet bei dieser Frage aus der Verantwortung flüchtete, ist feige.
Beim Deutschen Filmpreis bat er auf irritierende Weise darum, ihm zu helfen. Er fragte vor der versammelten Branche: „Kann man einen Film im Nachhinein kürzen?“ und forderte die Deutsche Filmakademie auf, eine Debatte zu führen.
