Ostdeutschland profitierte zwar von umfangreichen staatlichen Transferleistungen und dem Aufbau moderner Infrastruktur. Viele Unternehmen blieben jedoch abhängig von Entscheidungen westdeutscher Konzernzentralen. Große Unternehmenssitze, die Forschung, Investitionen und strategische Entscheidungen dauerhaft in der Region halten, sind bis heute vergleichsweise selten.
„Der Aufholprozess in Ostdeutschland ist kein Selbstläufer mehr. Wenn Politik und Wirtschaft jetzt nicht entschieden gegensteuern, droht der Abstand wieder zu wachsen“, sagte Joachim Ragnitz, Autor der Studie sowie stellvertretender Leiter der Ifo-Niederlassung in Dresden.
Nicht nur Krise, sondern Strukturproblem
Allerdings zeichnet nicht jeder Ökonom ein so düsteres Bild wie das Ifo-Institut. Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, verweist darauf, dass sich die ostdeutsche Wirtschaft in vergangenen Krisen oft robuster gezeigt habe als die westdeutsche.
Ein Grund dafür ist die Wirtschaftsstruktur. Der Anteil staatlicher Beschäftigung ist höher, viele Regionen sind weniger stark von exportorientierter Industrie abhängig. Während das Wachstum in Boomphasen dadurch oft schwächer ausfällt, können Abschwünge besser abgefedert werden.
Auch bei der derzeit viel diskutierten Rüstungsindustrie sieht Gropp die Lage differenziert. Anders als manche westdeutsche Regionen profitiert Ostdeutschland bislang nur begrenzt von den steigenden Verteidigungsausgaben. Kurzfristig könne das ein Nachteil sein, sagt er. Langfristig ist jedoch offen, ob eine starke Abhängigkeit von Rüstungsaufträgen tatsächlich ein nachhaltiges Wachstumsmodell darstellt.
Die eigentliche Schwachstelle liegt aus Sicht vieler Experten woanders: beim Arbeitsmarkt. Der Fachkräftemangel wird oft ausschließlich als Risiko beschrieben. Gropp weist jedoch darauf hin, dass knappe Arbeitskräfte auch steigende Löhne bedeuten können. Für Beschäftigte ist das zunächst eine gute Nachricht.
Für Unternehmen entsteht daraus allerdings ein Problem. Wer keine Mitarbeiter findet, investiert oft nicht mehr. Neue Produktionslinien, Forschungsprojekte oder Firmenerweiterungen werden verschoben oder an andere Standorte verlagert.
Ohne Zuwanderung wird es nicht gehen
Klar ist aber auch: Ostdeutschland altert schneller als viele andere Regionen Europas. Ohne zusätzliche Arbeitskräfte wird es immer schwieriger, Unternehmen anzusiedeln und bestehende Betriebe zu halten.
Gropp formuliert deshalb eine klare Forderung: Der Osten dürfe nicht den Eindruck erwecken, Ausländer seien unerwünscht. Zuwanderung und Integration seien eine wirtschaftliche Notwendigkeit.
Das ist jedoch ein kritischer Punkt. Viele Regionen, die besonders stark unter Bevölkerungsverlusten leiden, sind zugleich politisch skeptisch gegenüber weiterer Migration; die rechtspopulistische AfD verzeichnet im Osten Rekordwerte. Wirtschaftlich lässt sich dieses Spannungsfeld jedoch kaum ignorieren. Wer Wachstum will, braucht Menschen, die arbeiten, konsumieren und Unternehmen gründen.
