
Die USA entdecken Deutschland wieder
Das Projekt ist keineswegs ein Einzelfall. US-Unternehmen investieren derzeit im großen Stil in Deutschland – vor allem in die digitale und industrielle Infrastruktur. Google hatte im November 2025 angekündigt, bis 2029 rund 5,5 Milliarden Euro in Rechenzentren und Cloud-Kapazitäten zu investieren – mit Neu- und Erweiterungsanlagen an zwei Standorten im Rhein-Main-Gebiet. Oracle plant, in den nächsten fünf Jahren zwei Milliarden Dollar in Cloud- und KI-Regionen auszugeben, ebenfalls im Raum Frankfurt. Unterdessen baut Tesla seine Batterieproduktion in Grünheide bei Berlin aus: Bis 2027 sollen mehrere hundert Millionen Euro in die Vorstufe und Zellfertigung fließen.
Bei solchen Investitionen handelt es sich um mehr als nur Kapitalströme – es handelt sich um Entscheidungen zugunsten eines bestimmten Standorts. US-Unternehmen beschäftigen in Deutschland mehrere Hunderttausend Menschen. Darüber hinaus sind die USA die wichtigste Quelle ausländischer Direktinvestitionen. Germany Trade & Invest (GTAI) spricht von einer weiterhin robusten Investitionsdynamik – gestützt durch industrielle Substanz, qualifizierte Fachkräfte und den Zugang zum europäischen Binnenmarkt.
Deutsche Unternehmen suchen Marktnähe
Ein Blick über den großen Teich zeigt ein ähnliches Bild. Seit Jahrzehnten sind deutsche Unternehmen in den USA fest verankert – und bauen ihre Präsenz immer weiter aus. Rund 6.200 deutsche Firmen unterhalten Niederlassungen oder Tochtergesellschaften in den USA. Mit rund 870.000 Beschäftigten gehören sie dort zu den größten ausländischen Arbeitgebergruppen des Landes.
Allein Siemens beschäftigt mehr als 45.000 Mitarbeiter in den USA und hat in den letzten 20 Jahren über 90 Milliarden Dollar in den US-Markt gesteckt, feste Pläne für weitere zehn Milliarden sind geplant. Derzeit fließen 285 Millionen Dollar in neue und erweiterte Hightech-Produktionsanlagen in Kalifornien und Texas. Siemens-Chef Roland Busch: „Wir schaffen neue Arbeitsplätze, machen wichtige Zukunftstechnologien verfügbar und stärken Amerikas KI-Kompetenz.“
Die jüngsten Investitionsentscheidungen deutscher Unternehmen spiegeln eine klare Strategie wider: Nähe zum Kunden bleiben, sich gegen handelspolitische Risiken absichern, Wertschöpfung vor Ort halten – etwa in der Automobilindustrie. BMW beispielsweise investiert 1,7 Milliarden Dollar in South Carolina – eine Milliarde davon fließt in die Elektrifizierung seines Werks in Spartanburg und die restlichen 700 Millionen Dollar in ein Batteriemontagezentrum.
Auch Volkswagen betont zunehmend die Bedeutung der Präsenz vor Ort. Sein neuer Ableger Scout Motors baut in South Carolina ein Werk für Elektro-Pick-ups und SUVs auf. Mit einem Investitionsvolumen von rund zwei Milliarden Dollar soll die Produktion Ende 2026 beginnen. Mercedes-Benz plant, ab 2027 am Standort Tuscaloosa (Alabama) mit der Produktion eines neuen, speziell auf den US-Markt zugeschnittenen Modells zu beginnen. „Wir sind sehr zuversichtlich, dass der amerikanische Markt für uns ein strategisch wichtiger Wachstumsmarkt bleiben wird“, sagt Mercedes-Chef Ola Källenius. „Deshalb investieren wir massiv in den USA und werden dort mittel- bis langfristig auch deutlich wachsen können.“
Handel als Rückgrat für Investitionen
Diese Dynamik wird durch starke Handelsbeziehungen unterstützt. Im Jahr 2024 wurden zwischen Deutschland und den USA Waren im Gesamtwert von 253 Milliarden Euro gehandelt – mehr als mit jedem anderen Handelspartner. Deutschland liefert Maschinen, Fahrzeuge und chemische Produkte, während Software, Technologie und Industriegüter aus den USA kommen. Neue Investitionen festigen diesen Austausch weiter, indem sie Lieferketten verkürzen, die Widerstandsfähigkeit erhöhen und die politische Unabhängigkeit verringern.
Der German American Business Outlook 2025 der Deutschen Auslandshandelskammern prognostiziert, dass die Auswirkungen nicht nur kurzfristig sein werden: 84 Prozent der deutschen Tochtergesellschaften in den USA planen, ihre Investitionen in den kommenden drei Jahren zu erhöhen, während 88 Prozent planen, bis 2029 zusätzliches Personal einzustellen.
Den Industriestandort Deutschland stärken
Die Bundesregierung will Deutschland unterdessen noch attraktiver für den Industriestandort machen und hat dazu den ehemaligen Commerzbank-Chef Martin Blessing zum neuen Investitionsbeauftragten ernannt. Sonderabschreibungsregeln, Unternehmenssteuersenkungen, weniger Bürokratie, beschleunigte Genehmigungsverfahren und staatliche Förderprogramme sollen neue Investoren – vor allem aus den USA – anlocken. Wirtschaftliche Überlegungen sind jedoch die Hauptantriebskraft. In einer Welt fragmentierter Märkte und wachsender Risiken gilt eine einfache Regel: Wer produziert, wo man verkauft, und investiert, wo man forscht, bleibt handlungsfähig. Unabhängig von politischer Rhetorik und Handelshemmnissen ist dies die Logik, die die transatlantische Wachstumsachse stärken wird.












