
RTL schickt Hunderte Mitarbeiter in den Ruhestand, und die USA weiten auch im Fernsehen ihr Einflussgebiet aus. Experte Christian Richter schlägt im Interview mit t-online Alarm.
Es gerät etwas ins Wanken, und bisher kann niemand sagen, wie die Sache ausgeht. Die Rede ist vom deutschen Fernsehen, dem seit Jahren nachgesagt wird, längst tot zu sein. Doch das System hält sich wacker am Leben – wenn auch unter zunehmenden Belastungen. Gerade erst hat der Privatsender RTL Sparmaßnahmen verkündet, die rund 600 Mitarbeiter ihre Jobs kosten. Nur wenige Tage später gibt ebendieser Sender bekannt, mit einem neuen Streamingdienst zu kooperieren: HBO Max, der am 13. Januar in Deutschland startet.
Was hat das alles zu bedeuten? Christian Richter ist einer der führenden Experten in Deutschland, wenn es um die Veränderungen im TV- und Streaming-Markt geht. Er hat zu Angeboten von On-Demand-Diensten wie Netflix und Co. promoviert und ein Buch mit dem Titel „Fernsehen. Netflix. YouTube“ veröffentlicht, in dem er der Frage nachgeht, wie viel „altes Fernsehen“ in den neuen Anbietern steckt.
t-online: Herr Richter, wie würden Sie in einem Satz die Lage des deutschen Fernsehens heute beschreiben?
Christian Richter: Der deutsche Fernsehmarkt ist derzeit insgesamt sehr angespannt, sowohl kommerzielle als auch öffentlich-rechtliche Anbieter spüren wachsenden wirtschaftlichen Druck.
Was genau hat sich in den vergangenen fünf Jahren am stärksten verändert?
In dieser Zeit hat sich die Mediennutzung stark in Richtung On-Demand-Angebote verschoben, während das klassische lineare Fernsehen an Bedeutung verliert. Für die TV-Anbieter bedeutet das weniger planbare Reichweite und eingeschränkte Spielräume für Programme und Investitionen.
Welche strukturellen Probleme wies das klassische Fernsehen schon auf, bevor Netflix und Co. zur Konkurrenz wurden?
Das System der Einschaltquoten ist in meinen Augen problematisch, weil es nur misst, ob ein Sender eingeschaltet ist, nicht aber, ob Inhalte wirklich aufmerksam verfolgt oder geschätzt werden.
Allein Netflix investierte im Jahr 2025 rund 18 Milliarden US-Dollar in sein Programm.
Christian Richter
Was bedeutet das konkret im Hinblick auf meine Frage?
Entscheidend ist weniger, ob ein Angebot eingeschaltet wird, sondern ob es möglichst wenig Anlass bietet, abzuschalten. Das begünstigt eher seichte und bequeme Formate, wodurch das Fernsehen zunehmend belanglos, austauschbar und gesellschaftlich irrelevant wird. Schon vor der Einführung der Streamingdienste war das Fernsehen durch diesen strukturellen Bug auf dem sicheren Weg, sich selbst wegen mangelnder Bedeutung abzuschaffen. Hierbei handelt es sich übrigens nicht um ein ausschließliches Fernsehproblem, denn auch bei den Angeboten von Netflix und Co. lässt sich eine ähnliche Entwicklung beobachten.












