Nach der langen Nacht zum Rentenpaket geht das Ringen weiter, das vorläufige Ergebnis gibt aber Anlass zur Hoffnung. Wenn die Koalitionäre daraus jetzt die richtigen Lehren ziehen, sei ihnen das erste halbe Jahr Geholper verziehen.
Vielleicht müssen wir uns alle einfach daran gewöhnen. Die Wehen dieser noch jungen Koalition dauern lange, sie gebiert unter Schmerzen, aber sie gebiert. Das war so, als sie es erst nach einigem Üben hinbekam, Friedrich Merz zu ihrem eigenen Kanzler zu wählen. Das war so, als sie eine bedauernswerte Kandidatin für das Amt als Verfassungsrichterin verschliss, bevor eine zweite es wurde. Und das ist jetzt so beim Rentenpaket, zu dem sich Schwarz-Rot auch hinzuhangeln und hinzuruckeln scheint.
Das alles erinnert jedes Mal ein wenig an den legendären Satz von Ian Gillan am Ende eines missglückten Gigs in der Reihe der ebenso legendären Japan-Konzerte von Deep Purple in den Siebzigern: „Next week“, versprach Frontmann Gillan zum Schluss der Kakofonie, „next week we are turning professional“. Nächste Woche, da machen wir es dann professionell. Aber jetzt wirklich. Großes Ehrenwort.
In dieser Attitüde haben sich auch der Frontmann Friedrich Merz und die übrigen Spitzen der Koalition nach der langen Nacht zur Rente präsentiert. Es bleibt bei unserem Plan: Rentenpaket zum Jahresbeginn ohne Abstriche, noch in diesem Jahr eine Kommission, dann deren Ergebnisse Mitte 2026. Dann eine große Rentenreform. Die Einwände der jungen Unionsabgeordneten werden dort berücksichtigt und schließlich in ein nächstes Gesetz gegossen.
Das wäre, wenn es so kommt, der Sache dienlich und unterschiede sich von 19 Jahren Merkel und Scholz, in deren Regierungszeiten Brocken wie die Rente trotz aller Dringlichkeit erst gar nicht angepackt wurden. Wenn die Koalitionäre überdies aus ihren nunmehr mindestens drei Zangengeburten etwas lernen würden, bestünde sogar Hoffnung auf ein gedeihlicheres zweites Regierungsjahr.
Konkret: wenn sich Merz ab und zu mal auf die Zunge bisse, statt einen flotten Spruch rauszuhauen, der den innerparteilichen Widerstand gegen einen gefundenen Koalitionskompromiss erst so richtig anfacht. Wenn Maschinisten der Machtmaschine wie Fraktionschef Jens Spahn und Kanzleramtsminister Thorsten Frei ihre Öl- und Schmierarbeiten gewissenhafter ausübten. Und wenn sich bei etwas Fortune – auch mithilfe von Maßnahmen wie dem Investitionsturbo und der Aktivrente – ein erster sanfter Wind des Aufschwungs in der Wirtschaft zeigte.
Es ist immer wieder wichtig und redlich, sich klarzumachen: Das ist eine Koalition der Novizen. Von ganz oben beim Kanzler angefangen bis hin zu den überproportional vielen Neulingen vor allem in der Unionsfraktion. Wenn sie aus ihrem bisherigen Geholper lernen, sei dieses erste halbe Jahr verziehen.
Denn auch das gehört zur Wahrheit: Die letzte Bundesregierung, die sich ebenso ungestüm und unerfahren in die Arbeit stürzte, war Rot-Grün 1998. Deren erstes halbes Jahr war auch ein Desaster, bis hin zur überstürzten Flucht von Finanzminister und SPD-Chef Oskar Lafontaine zurück ins Saarland. Am Ende brachte diese Koalition mit der Agenda 2010 die letzte große Reform zustande, die dieses Land gesehen und vorangebracht hat.
