Vielleicht trifft man ihn auf einem Protestmarsch: Karl Schlögel ist nicht der Typ Historiker, der sich gerne in seinem Arbeitszimmer versteckt. Er ist ein Historiker, der bereit ist, sich für die Dinge einzusetzen, die ihm am Herzen liegen, und sich in der Gesellschaft zu engagieren. Der 77-jährige Experte für osteuropäische Geschichte, der in Berlin lebt, war in den letzten Jahren auf zahlreichen Antikriegsprotesten zu sehen, eine ukrainische Flagge um die Schultern geschlungen.
Karl Schlögel, verheiratet mit der aus Moskau stammenden Publizistin Sonja Margolina, wurde zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2025 gekürt. Er erhält die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung, die traditionell im Rahmen der Frankfurter Buchmesse am 19. Oktober verliehen wird. Die Zeremonie findet in der Paulskirche statt, einem zentralen Ort der deutschen Demokratiegeschichte.
„Als Gelehrter und Spaziergänger, als moderner Archäologe, als Seismograf des gesellschaftlichen Wandels erkundete er bereits vor dem Fall des Eisernen Vorhangs Städte und Landschaften in Mittel- und Osteuropa“, schrieb die Jury in ihrer Begründung. Der Historiker wird für sein außergewöhnliches Werk geehrt, für seine Leidenschaft, durch seine Reisen und den Austausch mit Einheimischen sowie seine Texte die osteuropäische Umwelt nicht nur wissenschaftlich, sondern auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Frühe Reisen in die Sowjetunion
Karl Schlögel wurde am 7. März 1948 als Sohn einer Allgäuer Bauernfamilie geboren und kam schon in jungen Jahren auf dem Bauernhof seiner Eltern mit Nachkriegsflüchtlingen in Kontakt. Während seiner Zeit als Schüler eines Benediktiner-Internats lernte er Russisch von einem Lehrer, der aus Ostpolen in die amerikanische Besatzungszone geflohen war. Er besuchte die Sowjetunion erstmals 1966 auf einer Schulreise, die von Budapest über Lemberg, Kiew und Charkiw bis nach Moskau führte. Zwei Jahre später wurde Schlögel als junger Mann Zeuge des Prager Frühlings in der Hauptstadt der Tschechoslowakei. Der Versuch, in der Tschechoslowakei einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu etablieren, wurde von den Truppen des Warschauer Paktes brutal niedergeschlagen.
Karl Schlögel studierte osteuropäische Geschichte, Philosophie, Soziologie und Slawistik an der Freien Universität Berlin und war eine Zeit lang aktives Mitglied der maoistischen Organisation KPD. Seine Doktorarbeit verfasste er über Arbeitskonflikte in der Sowjetunion. Anschließend arbeitete er als freiberuflicher Übersetzer, Publizist und Autor, bis er 1990 auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte an der Universität Konstanz berufen wurde. Fünf Jahre später wechselte er an die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2013 lehrte und forschte. In seiner Arbeit konzentrierte er sich auf die osteuropäische Kulturgeschichte, die Geschichte der russischen Auswanderung und die Stadtkultur in Mittel- und Osteuropa Osteuropa, immer unter Einbeziehung aktueller Perspektiven.
Sich entwickelnde Wahrnehmung Russlands
Schlögel liebt es, Dinge aus unbekannten, aber aufschlussreichen Blickwinkeln zu betrachten. In seinem Buch „The Scent of Empires: Chanel No. 5 and Red Moscow“ (2020) beispielsweise erzählt er die Geschichte Europas anhand der beiden bekannten Parfums. Im Oktober 2025 erschien Schlögels neues Buch „Auf der Sandbank der Zeit“, in dem er darüber spricht, wie sich seine eigene Wahrnehmung Russlands im Kontext des Krieges in der Ukraine entwickelt hat.
