Klingt paradox
Rauchen hilft offenbar bei chronischer Krankheit
19.09.2025 – 10:19 UhrLesedauer: 2 Min.
Rauchen kann eine bestimmte Darmerkrankung lindern, wie Forscher aus Japan berichten. Das Wissen könnte den Weg ebnen für neue Therapien – ganz ohne Tabak.
Rauchen ist schädlich, das ist unbestritten. Doch ausgerechnet bei Colitis ulcerosa, einer chronischen Darmentzündung, scheint Tabakrauch eine paradoxe Wirkung zu haben: Er kann die Entzündung abmildern. Bei Morbus Crohn dagegen verschlimmert er die Krankheit. Japanische Forscher haben nun herausgefunden, warum – und sehen darin einen Ansatz für neue Behandlungen.
Seit Langem beschäftigt Ärzte ein Widerspruch: Raucher erkranken seltener an Colitis ulcerosa und haben mildere Verläufe, während Tabakrauch bei Morbus Crohn das Risiko und die Beschwerden deutlich erhöht.
Ein Team um Hiroshi Ohno vom japanischen Forschungsinstitut RIKEN in Yokohama hat diesen Unterschied genauer untersucht. In der Fachzeitschrift „Gut“ berichten die Forscher, dass Tabakrauch die Zusammensetzung des Mikrobioms im Darm verändert.
Konkret siedeln sich bei Rauchern Bakterien an, die normalerweise nur in der Mundhöhle vorkommen, allen voran Streptococcus mitis. Bei Nichtrauchern überleben diese Bakterien die Passage in den Darm nicht. Im Darm von Rauchern hingegen können sie dank bestimmter Stoffwechselprodukte Fuß fassen.
Eine dieser Substanzen ist Hydrochinon, eine Chemikalie, die im Tabakrauch vorkommt. In Versuchen mit Mäusen zeigte sich: Hydrochinon erleichtert den Mundbakterien das Überleben im Dickdarm.
Doch warum lindern diese Bakterien die Entzündung bei Colitis ulcerosa und verschlimmern sie gleichzeitig bei Morbus Crohn? Die Antwort liegt im Immunsystem: Streptococcus mitis fördert die Bildung von TH1-Helferzellen. Bei Colitis ulcerosa blockieren diese Zellen die Entzündungsreaktionen, die von TH2-Zellen ausgehen – und die Schleimhaut beruhigt sich.
Bei Morbus Crohn hingegen spielen TH1-Zellen selbst eine Schlüsselrolle in der Entzündung. Werden sie zusätzlich aktiviert, verstärken sich die Beschwerden.
Für Patienten bedeutet das nicht, dass sie zur Zigarette greifen sollten. „Die Schäden durch Rauchen – von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis zu Krebs – überwiegen bei Weitem mögliche Vorteile“, betonen die Autoren.
Die Erkenntnisse eröffnen aber neue Behandlungswege. Künftig könnten Probiotika mit Streptococcus mitis oder gezielte Wirkstoffe wie Hydrochinon die positiven Effekte nachahmen – ohne die gefährlichen Nebenwirkungen des Rauchens. Ob das gelingt, müssen allerdings noch klinische Studien zeigen.
